MMS Round Table: Health under attack – how to enforce international law?

Krieg und Gewalt: Besonderer Schutz des Gesundheitspersonals ist in Frage gestellt

By Livia Kläui

Wenn Gesundheitseinrichtungen zur Zielscheibe werden, steht mehr auf dem Spiel als nur die medizinische Versorgung. Weltweit häufen sich Angriffe auf Spitäler und Gesundheitspersonal – trotz des völkerrechtlich garantierten Schutzes durch die Genfer Konventionen. Ein Round Table von Medicus Mundi Schweiz und medico international Schweiz hat deutlich gemacht: Es braucht mehr als Appelle. Es braucht politischen Willen, internationale Rechenschaft – und eine Zivilgesellschaft, die nicht schweigt.

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Krieg und Gewalt: Besonderer Schutz des Gesundheitspersonals ist in Frage gestellt

Das Gesundheitspersonal spielt eine Schlüsselrolle, damit das Recht auf Gesundheit gesichert werden kann. Gerade auch in fragilen Kontexten und in kriegerischen Konflikten. Deshalb unterstehen laut Genfer Konvention Gesundheitseinrichtungen und das Gesundheitspersonal einem besonderen Schutz. Doch Attacken auf das Gesundheitspersonal nehmen zu. Und dahinter steckt oft ein System. Welche Gründe gibt es hierfür und was kann dagegen unternommen werden? Das war Thema eines Round Tabels des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz (MMS) und von medico international Schweiz, das am 9. April 2025 in Bern stattgefunden hat.

Genfer Konventionen versprechen Schutz fürs Gesundheitspersonal

Zu Beginn der Veranstaltung erläuterte Felix Litschauer von medico international Deutschland die rechtlichen Hintergründe. In den Genfer Konventionen ist festgehalten: Zivile Krankenhäuser, die für die Versorgung von Verwundeten, Kranken, Gebrechlichen und von Müttern eingerichtet sind, dürfen unter keinen Umständen angegriffen werden, sondern sind jederzeit von den Konfliktparteien zu respektieren und zu schützen. Zudem müssen Personen, welche sich ausschliesslich in Krisengebieten befinden, um medizinische Leistungen zu erbringen, geschützt werden. Die Genfer Konvention ist bisher von 194 UN-Staaten ratifiziert worden.

Und dennoch: Im Jahr 2025 starb so viel Gesundheitspersonal wie nie seit dem zweiten Weltkrieg aufgrund von kriegerischen Konflikten.

Alice Froidevaux, Vertreterin von medico international Schweiz, nimmt die Schweiz in die Pflicht. Dabei verweist sie auf die humanitäre Tradition des Landes. Die Schweizer Geschichte ist geprägt durch ihre Neutralität; zudem ist sie der Gründungsstaat des Roten Kreuzes und dient als sogenannter Depositarstaat für die Genfer Konventionen. Diese sind ein zentraler Teil des humanitären Völkerrechtes.

"Die internationiale Gemeinschaft muss reagieren, denn nur dann kann sich etwas verbessern. Es geht um die finanzielle Lage von Ländern, es geht um Sicherheit und – vor allem – es geht um Menschenleben."

"Die internationiale Gemeinschaft muss reagieren, denn nur dann kann sich etwas verbessern. Es geht um die finanzielle Lage von Ländern, es geht um Sicherheit und – vor allem – es geht um Menschenleben." Livia Kläui

Kommt die Schweiz ihrer Verantwortung nach?

Und heute? Im Jahr 2024 initiierte die Schweiz die Resolution 2730 des UN-Sicherheitsrates. Die Resolution verpflichtet die UNO-Mitgliedstaaten, den Schutz von humanitärem und UNO-Personal zu stärken. Doch die aktuelle schweizerische Aussenpolitik ist nicht über alle Zweifel erhaben. So sagten die Verantwortlichen eine Konferenz zum Schutz der Zivilbevölkerung im besetzten palästinensischen Gebiet und zur Durchsetzung der vierten Genfer Konvention ab; dies nach dem sie von der Uno-Generalversammlung zur Ausführung aufgefordert worden war. Damit sorgte sie im In- und Ausland für teils heftige Kritik, die NGO Amnesty International sprach gar von einem «Verrat an den Opfern».

Welche Rolle kann die Schweiz in Anbetracht der aktuellen globalen Machtverschiebungen bei der Förderung der Rechenschaftspflicht für Verstösse gegen das Völkerrecht spielen und wie können NGOs und die Zivilgesellschaft die Schweiz zu einer proaktiveren Haltung drängen? Diese Fragen thematisierten die Teilnehmer:innen am Round Table und sie werden auch in Zukunft zentral in der Debatte um die friedensfördernde Verantwortung der Schweiz sein.

photo: ©Nadine E/unsplash
photo: ©Nadine E/unsplash

Zivilgesellschaftliche Initiativen

Krieg und Krisen prägen die aktuelle Zeit, die (bewaffneten) Konflikte übertreffen sich gegenseitig an Brutalität. Umso mehr sind zivilgesellschaftliche Initiativen dringend nötig.

Im Nordosten Syriens erbringt die Organisation «Kurdischer Roter Halbmond» wichtige Leistungen. Es wurden strategisch Infrastrukturen aufgebaut und «first responders» ausgebildet, um im Notfall auch in schwer zugänglichen Gebieten schnell Hilfe leisten zu können.

Geht es um den Schutz von Gesundheitspersonal – insbesondere aus einer globalen Perspektive – steht eine Institution besonders in der Verantwortung: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Diese verpflichtet sich mit diversen Resolutionen zu Massnahmen gegen Attacken auf Gesundheitspersonal. Eines davon ist ein Überwachungssystem. Dieses dient vor allem dazu, Daten zu Übergriffen zu sammeln und zu evaluieren. Die Weitergabe ist aus Gründen des Datenschutzes begrenzt.

Wenn wir von Gewalt gegen medizinisches Personal sprechen, müssen wir auch deren sekundäre Folgen beachten. So kommt es bei vielen (bewaffneten) Konflikten zu einem Unterbruch oder zur Verschlechterung der Gesundheitsversorgung, was prekäre Auswirkungen haben kann. Nicht zu vergessen sind auch die psychischen Folgen; viele Betroffene und Zeug:innen sind verängstigt oder sogar traumatisiert. Dazu kommt der ökonomische Faktor: Mehr Menschen müssen versorgt werden, die Kosten steigen.

Um diese verheerenden Auswirkungen zu verhindern oder wenigstens zu minimieren, ist auch die Organisation Médecins du Monde im Einsatz, z.B. im Gazastreifen. Angriffe auf Gebäude, aber auch auf Menschen nehmen immer mehr zu: 84% der Gesundheitseinrichtungen wurden zerstört oder beschädigt und mehr als 50.000 Menschen getötet. Nicht nur für die dortige Bevölkerung ist die Lage katastrophal; das Gesundheitspersonal ist immensen gesundheitlichen Risiken – physisch wie psychisch ausgesetzt.

Es sind Fakten, die schockieren. Wenn wir nicht handeln, verschlimmert sich die Situation mehr und mehr. Die Akteur:innen im Gesundheitswesen wie auch die Politik stehen in der Verantwortung. Für eine Beruhigung der Lage müssen diese auch international kooperieren.

Die internationiale Gemeinschaft muss reagieren, denn nur dann kann sich etwas verbessern. Es geht um die finanzielle Lage von Ländern, es geht um Sicherheit und – vor allem – es geht um Menschenleben.

Livia Kläui
Livia Kläui ist Redaktorin des MMS Bulletins und Mitarbeiterin Kommunikation bei Medicus Mundi Schweiz.