Sexuelle und reproduktive Gesundheit im Wandel: Fortschritte, Bruchlinien und neue Herausforderungen

Vom Erfolg zur Erosion: Die bröckelnde Basis sexueller und reproduktiver Rechte

By Martin Leschhorn Strebel

25 Jahre lang galt die sexuelle und reproduktive Gesundheit als globale Erfolgsgeschichte – sinkende Müttersterblichkeit, breiter Zugang zu HIV-Therapien, gestärkte Rechte. Doch dieser Fortschritt steht auf der Kippe, denn der Diskurs um Männlichkeit verschiebt sich gefährlich: In der „Mannosphäre“ entstehen toxische Männerbilder, die Gleichstellung als Bedrohung inszenieren und regressiven Ideologien Vorschub leisten. Was auf dem Spiel steht, ist nicht weniger als die Gesundheit, die Rechte und die gesellschaftliche Zukunft.

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Vom Erfolg zur Erosion: Die bröckelnde Basis sexueller und reproduktiver Rechte
Hope Coffee, Hanoi 2023. © Martin Leschhorn Strebel/MMS

Blickt man auf die Entwicklung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit (SRH) in den vergangenen 25 Jahren, kann die internationale Gemeinschaft auf eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte zurückschauen. Die Müttersterblichkeit ist weltweit deutlich gesunken am stärksten in Osteuropa, Zentralasien und Südostasien, aber auch im südlichen Afrika um rund 40 %. Zwar sind wir in Ländern mit niedrigem Einkommen noch weit von den Nachhaltigkeitszielen der UN-Agenda 2030 entfernt, dennoch bleibt die Bilanz positiv.

Ein weiterer Indikator für diesen Fortschritt ist der Zugang zu antiretroviralen Therapien (ART) gegen HIV: Ende 2024 erhielten weltweit 77 % der Menschen mit HIV eine ART-Behandlung. 2010 lag dieser Wert noch bei 24 %. Auch die Zahl der Kinder zwischen 0 und 14 Jahren mit HIV ist gesunken von 2,7 Millionen im Jahr 2010 auf 1,4 Millionen Ende 2024 (Quelle: Global Health Observatory).

Dreiklang des Erfolgs: Investitionen, medizinischer Fortschritt und Rechte

Diese Erfolge beruhen auf drei Faktoren: medizinischem Fortschritt, massiven Investitionen in die globale Gesundheit seit der Jahrtausendwende und dem Ausbau der Menschenrechte. Letzteres ist entscheidend, deshalb sprechen wir heute konsequent von Sexual and Reproductive Health and Rights (SRHR). Nur eine Gesellschaft, die Diskriminierung abbaut, Mädchen und Frauen volle zivile Rechte gewährt und sexuelle Präferenzen nicht kriminalisiert, kann den Zugang zu SRHR-Diensten sichern und damit die Gesundheit aller stärken.

Public Health ist immer politisch – SRHR erst recht. Die Geschichte zeigt: Ohne den globalen Kampf von Frauen für ihre sexuellen und reproduktiven Rechte und deren Anerkennung auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo 1994 wären diese Fortschritte nicht denkbar. Auch die Erfolge gegen HIV verdanken sich dem jahrzehntelangen Einsatz der LGBTQ+-Bewegung gegen Diskriminierung.

Der Bruch mit der Erfolgsgeschichte

Diese Erfolgsgeschichte ist jedoch weder linear noch ungebrochen. Sie blendet regionale Ungleichheiten aus und wird aktuell von gefährlichen Rückschritten bedroht. Drei Bruchlinien sind besonders gravierend:

1. Abbau staatlicher Entwicklungszusammenarbeit

Regierungen wie jene von Grossbritannien, Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz kürzen ihre Beiträge massiv. Die Liquidierung von USAID wird gerade im Bereich SRHR dramatische Folgen haben – für Millionen Menschen und für den rechtebasierten Ansatz. Neue Geldgeber wie China, Katar oder Saudi-Arabien gewinnen an Einfluss, verfolgen jedoch eine Politik, die SRHR bewusst ausklammert.

2. Zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit

Die Forschung zeigt klar: Sichere Abtreibungen senken die Müttersterblichkeit. Wenn solche Erkenntnisse als «woke» diffamiert werden, bricht der gesellschaftliche Konsens weg, der die Grundlage für die bisherigen Erfolge bildete.

3. Angriff auf den rechtebasierten Ansatz

Werden Schlüsselgruppen wie Sexarbeiter:innen, Männer, die Sex mit Männern haben, Jugendliche oder Frauen im gebärfähigen Alter entrechtet, sind die bisherigen Fortschritte gefährdet. Die internationale Anti-Gender-Bewegung, oft eng mit evangelikalen Kreisen vernetzt und durch die Trump-Regierung gestärkt, treibt diese Entwicklung voran – im Zusammenspiel mit Kürzungen und Wissenschaftsfeindlichkeit.

Wenn wir uns heute über die Entwicklungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte Gedanken machen, dann sollte uns dieser Rückschritt im Diskurs am meisten zu denken geben. Wir müssen heute wieder grundlegend für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen und wir müssen junge Männer neu ansprechen, damit sie nicht in faschistoiden Männerfantasien enden. Denn sie wären dann selbst die grossen Verlierer. Martin Leschhorn Strebel, Medicus Mundi Schweiz

Männlichkeit und die Mannosphäre

Diese Entrechtung könnte man eine Spur gelassener betrachten und dagegen ankämpfen, wenn sie nicht mit einer tiefergehenden Diskursverschiebung rund um Männlichkeit einhergehen würde. Unter dem Begriff Mannosphäre (engl. Manosphere) ist in jüngster Zeit ein Phänomen aufgetaucht, das sich als Rückkehr von problematischen Männerbildern beschreiben lässt. Im Resonanzraum der sozialen Medien wird insbesondere Jugendlichen Vorstellungen von Männlichkeit vermittelt, die tendenziell toxisch sind.

Der aufgepumpte, gestählte Männerkörper wird symbolisch als Instrument der Machtausübung reinszeniert. Problematisch dabei ist, dass hier nicht einfach eine Ermächtigung im positiven Sinne gemeint ist, sondern klar mit einer regressiven Haltung gegenüber den emanzipatorischen Fortschritten der Frauen in den letzten Jahren verbunden ist. Gleichstellungpolitischer Fortschritt wird dabei als für den Mann negativ dargestellt, den es zurückzudrängen gilt.

Es ist kein Zufall, dass dieser Diskurs sich mit einer Re-Militarisierung in verschiedenen Gesellschaften einhergeht. Der vermeintlich «schwache», weil emanzipierte, Mann, der gesellschaftlich auch Kinder- und Betreuungsaufgaben im Sinne der Geschlechtergleichstellung übernimmt, wird nun zur Bedrohung der Verteidigungsfähigkeit. In Russland gehörte es zur Kriegsvorbereitung, dass ein Kampf gegen «wokeness» geführt wurde. In den USA werden aus Soldaten Krieger und das Verteidigungs- nennt sich nun Kriegsministerium. Deshalb auch der Rückbau von Gleichstellung in der US-Armee, gerade auch für homosexuelle Soldaten. Dies schliesst an traditionellen Vorstellungen von Homosexuellen als nicht richtigen Männern an als weiblich und damit als schwach.

Was in der Männersphäre geschieht, ist alles andere als die Propagierung einer neuen Männlichkeit, sondern die Rückkehr zum auf sich selbstbezogenen starken, gewaltausübenden Mann. Es sei an dieser Stelle an die bahnbrechende Studie «Männerphantasien» von Klaus Theweleit erinnert. Das 1977 erstmals erschienene Werk untersuchte die sexuelle, psychologische und soziopolitische Vorgeschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik.

Wenn wir uns heute über die Entwicklungen im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit und Rechte Gedanken machen, dann sollte uns dieser Rückschritt im Diskurs am meisten zu denken geben. Wir müssen heute wieder grundlegend für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen und wir müssen junge Männer neu ansprechen, damit sie nicht in faschistoiden Männerfantasien enden. Denn sie wären dann selbst die grossen Verlierer.

Martin Leschhorn Strebel
Martin Leschhorn Strebel ist Historiker und Direktor des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz.