Von Christiane Fischer
2007 lebten 33,2 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus, zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara. In dieser weltweit am schlimmsten betroffenen Region sind mit 1,6 Millionen Aids-Toten drei Viertel aller Opfer weltweit zu beklagen.1
2007 lebten 33,2 Millionen Menschen weltweit mit dem HI-Virus, zwei Drittel davon in Afrika südlich der Sahara. In dieser weltweit am schlimmsten betroffenen Region sind mit 1,6 Millionen Aids-Toten drei Viertel aller Opfer weltweit zu beklagen.1
HIV-Infizierte müs¬sen lebenslang AIDS-Medikamente (ARVs) einnehmen, wenn die
für das Immunsystem wichtigen CD4-Zellen unter einem bestimmten Wert liegen.
Die Medikamente können ihr Leben um bis zu 30 Jahre verlängern und HIV fast
zu einer chronischen Erkrankung machen. Ein Segen für die Betroffenen, die dadurch
in der Lage sind, ihre Kinder aufwachsen zu sehen, zu arbeiten und ein produktives
Leben zu führen.
Doch laut UNAIDS und Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben zwei Drittel der
Menschen, die behandelt werden müssten, nach wie vor keinen Zugang zu den überlebenswichtigen
Aids-Medikamenten. In der am stärksten betroffenen Region, den afrikanischen
Ländern südlich der Sahara bekommen immer noch 3 bis 3,5 Millionen Behandlungsbedürftige
keine lebensrettende Therapie2 und sterben deshalb innerhalb weniger Jahre unter
elenden Umständen.
HIV-PatientInnen müssen eine Kombination aus drei Medikamenten einnehmen, um
den Ausbruch von Aids hinauszuzögern. Doch die Nebenwirkungen der bisher standardmäßig
verwendeten Medikamente sind beträchtlich, die Lebensqualität ist für viele
Betroffene entsprechend eingeschränkt. Daher ist es wichtig, den Menschen die
am besten verträglichen und nebenwirkungsärmsten Medikamente zur Verfügung zu
stellen. Denn eine gut verträgliche Therapie ist der beste Garant dafür, dass
die PatientInnen die Mittel auch regelmäßig einnehmen. So kann auch verhindert
werden, dass sich nicht nach kurzer Zeit Resistenzen gegen die Medikamente einwickeln.
Deshalb hat die WHO 2006 ihre Richtlinien für die Aids-Standardtherapie geändert.
Für viele PatientInnen wird wegen besserer Verträglichkeit bzw. geringerer Resistenzbildung
eine andere Medikamentenkombination empfohlen. Doch obwohl nur ein Mittel in
der Dreierkombination ausgetauscht wurde, vervierfacht sich der Preis in den
ärmsten Ländern.
Der Grund für den dramatischen Preisunterschied: Sowohl ABC wie auch TDF stehen
weltweit unter Patentschutz. Zwar werden die Mittel momentan noch in Indien
zu günstigeren Preisen produziert als von den Originalherstellern Gilead (TDF)
bzw. GSK (ABC). Denn die Medikamente kamen vor 2005 auf den indischen Markt,
als das Land noch keine Patente auf Medikamente anerkannte. Seit 2005 gilt in
Indien ein zwanzigjähriger Patentschutz. Dies ist eine Verpflichtung, die sich
zwingend aus dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation (WTO) ergab.
Doch es ist ungewiss, ob indische Firmen auch in Zukunft die Produktion aufrecht
erhalten können. Denn bei allen Medikamenten, die zwischen 1995 (dem Beitritt
Indiens zur WTO) und 2004 auf den indischen Markt kamen, können Pharmaunternehmen
eine Restpatentlaufzeit beantragen. GSK und Gilead haben dies ebenso getan wie
viele anderen Firmen, GSK hat in Indien 1997 den Patentschutz beantragt, obwohl
die Substanz bereits in den 80er Jahren erfunden wurde. Ob diese umstrittenen
Patentanträge von den indischen Patentbehörden genehmigt werden, ist ungewiss,
da Gesundheitsgruppen dagegen Widerspruch eingelegt haben. Würden sie aber genehmigt,
wäre eine massive Preissteigerung für diese wichtigen Medikamente zu erwarten.
Da die indischen Generikafirmen nicht wissen, ob sie die Medikamente in ein
oder zwei Jahren noch produzieren können, sind deutliche Preissenkungen kaum
zu erwarten. Eine fatale Situation, die zur Folge hat, dass die indischen Firmen
die Generika kaum günstiger als die Originalanbieter verkaufen und die verbesserten
Therapierichtlinien der WHO nur für den reichen Teil der Welt umgesetzt werden.
Obwohl Gilead bisher in Indien überhaupt keinen Patentschutz auf TDF erhalten
hat, bietet die Firma indischen Generikaherstellern „freiwillige“ Lizenzen an,
die ihnen erlauben, TDF weiter zu produzieren (was ihnen vorher nicht verboten
war). Gehen Generika-Produzenten auf dieses zweifelhafte Firmenangebot ein,
verpflichten sie sich damit, TDF nicht mehr in arme Länder wie Brasilien oder
China zu exportieren.
Immer mehr unentbehrliche HIV-Medikamente stehen unter Patentschutz. Dies erhöht
die Preise und reduziert den Zugang, im Vergleich zur Situation vor 2005. Das
Problem wird sogar noch weiter zunehmen, denn mit der Resistenz¬entwicklung
und der Entwicklung besser verträglicher Mittel wird die Zahl der benötigten
patentierten Medikamente wachsen.
Preisnachlässe oder freiwillige Lizenzen der Originalhersteller ersetzen keinen
generischen Wettbewerb. In der Regel profitieren von solchen freiwilligen Regeln
nur eine sehr kleine Anzahl von Ländern und Menschen, während die große Masse
leer ausgeht. Der Zugang aller Menschen zur bestmöglichen Versorgung ist ein
fundamentales Menschenrecht. Das heißt, die neuen Behandlungsrichtlinien müssen
die Behandlung für alle Betroffenen verbessern und nicht nur für Reiche aus
dem Norden.
*Christiane Fischer ist Mitglied des Pharma-Briefes, Rundbrief der BUKO Pharma-Kampagne. Der Text erschien erstmals im Pharma-Brief 9-10/ Dezember 2007.
1 UNAIDS. AIDS epidemic update, Genf Dezember 2007
2 Hochgerechnet nach den neuen AIDS-Zahlen von Nov. 2007 (siehe FN 1) und WHO/UNAIDS/UNICEF.
Towards Universal Access. Scaling up priority HIV/AIDS interventions in the
health sector. Progress Report, April 2007. Geneva 2007 www.who.int/hiv/mediacentre/universal_access_progress_report_en.pdf
3 Antiretroviral therapy for HIV infection in adults and adolescents: Recommendations
for a public health approach, 2006 revision, WHO, Genf: www.who.int/hiv/pub/guidelines/artadultguidelines.pdf
4 Untangling the web of price reductions, 10th edition, MSF, Genf 2007: www.accessmed-msf.org/resources/