Von Thomas Schwarz
"Auch wenn heute die Säuglings- und Kindersterblichkeit in vielen Ländern wieder steigt und die Lebenserwartung sinkt, auch wenn HIV/Aids und andere Seuchen verheerende Auswirkungen auf Gesundheit und soziale Entwicklung vieler Länder haben, und auch wenn die Kluft zwischen Armen und Reichen in der Schweiz und in der Welt zunimmt: Gesundheit für alle ist keine Utopie, sondern eine Notwendigkeit – und darüber hinaus ein realistisches Ziel. Dies war der erstaunliche Konsens der bahnbrechenden internationalen Basisgesundheitskonferenz von Alma Ata im Jahr 1978, an welcher die versammelten Staaten und Organisationen erklärten, die Gesundheit aller Menschen schützen und fördern zu wollen. Und davon sind wir auch heute noch überzeugt. Doch um der globalen Gesundheitskrise zu begegnen, müssen wir auf allen Ebenen ansetzen – individuell und in der Gemeinschaft, national, regional und global und in allen Bereichen." (Auszug aus dem Manifest des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz, 3. November 2004)
|
Manifest des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz Gesundheit für alle – ein realistisches ProjektDie in der internationalen Gesundheitszusammenarbeit tätigen schweizerischen Organisationen haben in ihrer Vielfalt ein gemeinsames Ziel: Gesundheit für alle. Auch wenn heute die Säuglings- und Kindersterblichkeit in vielen Ländern wieder steigt und die Lebenserwartung sinkt, auch wenn HIV/Aids und andere Seuchen verheerende Auswirkungen auf Gesundheit und soziale Entwicklung vieler Länder haben, und auch wenn die Kluft zwischen Armen und Reichen in der Schweiz und in der Welt zunimmt: Gesundheit für alle ist keine Utopie, sondern eine Notwendigkeit – und darüber hinaus ein realistisches Ziel. Dies war der erstaunliche Konsens der bahnbrechenden internationalen Basisgesundheitskonferenz von Alma Ata im Jahr 1978, an welcher die versammelten Staaten und Organisationen erklärten, die Gesundheit aller Menschen schützen und fördern zu wollen. Und davon sind wir auch heute noch überzeugt. Doch um der globalen Gesundheitskrise zu begegnen, müssen wir auf allen Ebenen ansetzen – individuell und in der Gemeinschaft, national, regional und global und in allen Bereichen. Das von den Mitglieder des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz erarbeitete und unterzeichnete Manifest „Gesundheit für alle – ein realistisches Projekt“ reflektiert den Beitrag schweizerischer Nichtregierungsorganisationen zur Überwindung der globalen Gesundheitskrise und zur Erreichung von Gesundheit für alle. Wir laden Sie ein, das Ziel der Gesundheit für alle mit uns zu teilen und die Tätigkeit der im Netzwerk Medicus Mundi Schweiz zusammengeschlossenen Organisationen zu unterstützen. Wir ermutigen Sie, Ihren eigenen Beitrag zu formulieren – als BürgerIn, als PolitikerIn, als VertreterIn einer Institution, einer Behörde oder eines Unternehmens der Wirtschaft. Wir haben uns auf den Weg zu Gesundheit für alle gemacht, und wir laden Sie ein, uns auf diesem Weg zu begleiten. |
Was heisst Gesundheit für alle?Gesundheit verstehen wir als körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden eines Menschen. Gesundheit steht nicht unmittelbar im Gegensatz zu Krankheit und Gebrechen, denn auch diese sind Teil des menschlichen Lebens. Gesundheit für alle bedeutet somit, dass alle Menschen gleichermassen ein Recht auf körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden haben – und dass die dazu nötigen Voraussetzungen gegeben sind. Gesundheit für alle bedeutet insbesondere auch das gleiche Recht aller Menschen auf Zugang zu Leistungen des Gesundheitsbereichs, die ihnen helfen, ihre Gesundheit zu fördern und zu erhalten, Krankheiten vorzubeugen und bestehende Krankheiten und Gebrechen zu behandeln und zu pflegen. Weshalb Gesundheit für alle?Gesundheit ist ein unveräusserliches Menschenrecht, universell anerkannt und in internationalen Konventionen festgeschrieben, die für alle Staaten verbindlich sind. In einer Zeit, in der Menschen an vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten sterben, in einer Zeit, da Menschen unmündig gehalten, ausgebeutet, erniedrigt und marginalisiert werden, in einer Zeit, in der wir Wachstum und Gewinn mit krank machenden Arbeits- und Lebensbedingungen erkaufen, ist es höchste Zeit, dass wir uns wieder auf das Menschenrecht auf Gesundheit besinnen: „Der Gesundheitszustand einer Gesellschaft ist Spiegelbild ihres Bemühens um Gleichheit und Gerechtigkeit“ (Gesundheitscharta der Menschen, 2000). Die Förderung und der Schutz der Gesundheit von Menschen ist die Basis jeder ökonomischen und sozialen Entwicklung. Sie trägt bei zu einer besseren Lebensqualität und zum Weltfrieden. „Ein soziales Hauptziel der Regierungen, der internationalen Organisationen und der Gemeinschaft der ganzen Welt sollte sein, dass alle Menschen einen Gesundheitszustand erreichen werden, der es ihnen erlaubt, ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben zu führen.“ Diese Kernaussage der Erklärung von Alma Ata aus dem Jahr 1978 wurde in den letzten Jahren durch wissenschaftliche Studien erhärtet und wird heute von internationalen Organisationen einmütig vertreten. Was sind die Voraussetzungen für Gesundheit für alle?Gesundheit für alle beginnt und endet nicht im Gesundheitsbereich. Gesundheit wird in erster Linie durch politische, ökonomische und soziale Faktoren und die unmittelbare Lebensumwelt bestimmt. Gesundheit für alle kann nur dort entstehen, wo soziale Gerechtigkeit, eine ökologische nachhaltige Entwicklung und Frieden herrschen. Die Schaffung sozialer Stabilität und Sicherheit, die Überwindung von Armut, der Zugang zu Bildung und Arbeit, zu Trinkwasser und Nahrung, der Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung und der Einsatz für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen bilden Schlüsselbereiche zur Erreichung von Gesundheit für alle. Gesundheit für alle ist somit eine politische, soziale und ökonomische Herausforderung an die einzelnen Staaten und Gemeinschaften, aber auch an eine schon längst notwendige „Weltinnenpolitik“. Gesundheit für alle beginnt mit den Menschen. Wenn die Menschen ihre Talente und Fähigkeiten frei entfalten können, um sich gegenseitig zu bereichern, wenn sie und ihre Gemeinschaften und Organisationen befähigt sind, Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen und ihre Zukunft gemeinsam selbst zu bestimmen, dann können sie auch ihre Prioritäten im Gesundheitsbereich formulieren, ihre Rechte einfordern und sich aktiv an der Gestaltung der gesundheitsbestimmenden Bereiche ihres Lebens sowie der Gesundheitsversorgung beteiligen. Gesundheit ist keine Ware. Gesundheitsleistungen sind heute in vielen Ländern schwerer zugänglich geworden und ungleichmässiger verteilt, dazu werden sie unter Budget- und Deregulierungszwängen abgebaut. Doch darf Gesundheit keine Ware sein, die sich nur die Reichen leisten können. Die Regierungen und die Weltgemeinschaft haben die grundlegende Pflicht, den allgemeinen Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung sicherzustellen, die den Bedürfnissen der Menschen gerecht wird und nicht von ihren finanziellen Möglichkeiten abhängen darf. Weshalb ist Gesundheit für alle ein realistisches Projekt?... weil in jahrzehntelangen Bemühungen um die Verbesserung der Gesundheit der Menschen und im Kampf gegen Krankheiten bereits beachtliche Erfolge erreicht wurden wie etwa die Schaffung vieler funktionierender lokaler Gesundheitsstrukturen, die Ausrottung der Pocken und die verbreitete Nutzung moderner Methoden der Familienplanung. Gesundheit für alle ist realistisch, wenn aus diesen punktuellen Erfolgen der Mut entsteht, Neues und Grösseres zu wagen. ... weil sowohl in der Organisation des Gesundheitswesens wie auch im Kampf gegen einzelne Krankheiten bereits ein reicher Wissensschatz und viele bewährte Methoden und Mittel vorhanden sind. Gesundheit für alle ist realistisch, wenn den alten und neuen Herausforderungen mit neuem Wissen und weiterentwickelten Methoden und Mitteln begegnet wird, wenn dieses Wissen und diese Werkzeuge mit allen, die sie benötigen, geteilt werden, und wenn die Menschen und ihre Gesundheitsstrukturen befähigt werden, sie auch sinnvoll und richtig anzuwenden. ... weil es Staaten und Gesellschaften gibt, die sich unter schwierigsten Bedingungen auf den Weg gemacht haben, ihr Gesundheitswesen zu reformieren und auf die Bedürfnisse der Ärmsten und Benachteiligten auszurichten. Gesundheit für alle ist realistisch, wenn sich alle Staaten auf diesen Weg begeben und dabei von der internationalen Gemeinschaft unterstützt werden. ... weil weltweit, aber auch in vielen Staaten, das Geld für Investitionen in funktionierende Gesundheitsstrukturen und für Programme der Gesundheitsförderung, Prävention und Behandlung von Krankheiten ja eigentlich vorhanden ist. Gesundheit für alle ist realistisch, wenn die internationale Gemeinschaft, die einzelnen Staaten und die verschiedene Akteure des Gesundheitssystems die Prioritäten richtig setzen und die notwendigen Mittel im Gesundheitsbereich investieren. ... weil Fortschritte in anderen Sektoren, wie etwa der Alphabetisierung und der Wasserversorgung, ebenso wie die allgemeine gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern bereits zu wesentlichen Verbesserungen der Gesundheit der Menschen geführt haben. Gesundheit für alle ist realistisch, wenn wir erreichen, dass soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklung allen Menschen gleichberechtigt zukommt. ... weil sich auch bei uns die Erkenntnis durchsetzen wird, dass es in der globalisierten Welt auch denjenigen besser geht, denen es gut geht, wenn es denjenigen besser geht, denen es schlecht geht. Gesundheit für alle ist realistisch, wenn wir diese Erkenntnis in Taten umsetzen – dort, wo wir selbst etwas bewegen können. Welchen Beitrag leisten die Mitglieder des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz an Gesundheit für alle?Wir arbeiten mit Menschen und Gemeinschaften zusammen
|