Mit der Pflegeinitiative spielt sich die Schweiz zurück zum globalen Gesundheitsplayer
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Am 28. November 2021 äussern sich die Schweizer Stimmbürger*innen zur Pflegeinitiative. Diese möchte dem Pflegenotstand begegnen, indem einerseits in die Ausbildung, andererseits in die Qualität des Arbeitsumfeldes investiert wird. Für das Netzwerk Medicus Mundi Schweiz (MMS), das die Initiative aus Sicht der internationalen Gesundheitszusammenarbeit analysiert hat, stellt die Initiative einen wichtigen Beitrag dar, damit die Schweiz ihrer Verantwortung international gerecht wird.

MMS hat kürzlich seinen zivilgesellschaftlichen Bericht zur Umsetzung des WHO-Kodexes zur Rekrutierung von Gesundheitspersonal bei der WHO eingereicht. Seit der Verabschiedung des WHO-Kodexes 2010 durch die Weltgesundheitsversammlung hat sich in der Schweiz allerdings nicht grundsätzlich etwas verändert. Noch immer haben zwischen 30 und 40 Prozent der Pfleger*innen in der Schweiz ein Diplom, das sie im Ausland erworben haben. Noch immer werden zu wenig Pfleger*innen ausgebildet, um den zu erwartenden Bedarf bis 2029 zu decken.

"MMS hat kürzlich seinen zivilgesellschaftlichen Bericht zur Umsetzung des WHO-Kodexes zur Rekrutierung von Gesundheitspersonal bei der WHO eingereicht."

Die Pandemie und der Pflegenotstand

Verschärft wird die Situation dadurch, dass Gesundheitspersonal aufgrund unzureichender Arbeitsbedingungen aus dem Gesundheitssystem getrieben wird. Zwischen 2016 und 2018 haben mehr als 30% der Ärzt*innen und mehr als 40% der Pfleger*innen und Hebammen ihren Beruf verlassen. Wie sich die Pandemie und der andauernde Druck auf die Bestandszahlen auswirken werden, ist noch offen.

Im zivilgesellschaftlichen Bericht stellt MMS verschiedene Trends fest: Medienberichte legen nahe, dass bei jungen Menschen die Pflegeausbildung wieder auf höheres Interesse stösst. Dies mag damit zusammen hängen, dass das Bewusstsein über die gesellschaftliche Bedeutung der Gesundheitsberufe in der Pandemie gestiegen ist. Dieser Trend könnte auch damit zu erklären sein, dass der Umstand eine Lehrstelle zu finden, aufgrund der wirtschaftlichen Situation in gewissen Branchen schwieriger geworden ist. Wie auch immer: Neben diesem erfreulichen Trend gibt es auch Hinweise, dass Pfleger*innen aufgrund der Dauergesundheitskrise ausgebrannt aus dem Beruf aussteigen.

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Während der Pandemie ist auch ein Licht auf die Rolle der Grenzgänger*innen gefallen. Grenzkantone, insbesondere der Kanton Tessin in Zusammenhang mit der Krise in Norditalien, aber auch der Kanton Basel-Stadt zu Beginn dieses Jahres, haben Vorkehrungen getroffen, damit pendelnde Pfleger*innen in der Schweiz untergebracht werden könnten, sollte eines der Nachbarländer, den Grenzgänger*innen den Grenzübertritt verbieten, um das Gesundheitspersonal selbst einzusetzen. Nicht auszudenken, was ein solches Szenario für die Aussenbeziehungen der Schweiz bedeutet hätte.

"Dass die Schweiz ärmeren Ländern ihr Gesundheitspersonal stiehlt, ist praktisch zum Allgemeingut geworden und wird im Rahmen der laufenden Debatte rund um die Pflegeinitiative von verschiedenen Seiten immer wieder thematisiert."

Die Schweiz als Advokatin für einen starken WHO-Kodex?

Wenn auch der WHO-Kodex nichts Grundsätzliches an der hohen Abhängigkeit des Schweizer Gesundheitssystems von ausländischen Fachkräften geändert hat, so hat er in der Schweiz doch ein Verständnis für die problematischen Folgen geschaffen, die unweigerlich damit verbunden sind, wenn wir auf personelle Ressourcen in schwächeren Gesundheitssystemen zurückgreifen müssen, um den eigenen Bedarf zu decken. Dass die Schweiz ärmeren Ländern ihr Gesundheitspersonal stiehlt, ist praktisch zum Allgemeingut geworden und wird im Rahmen der laufenden Debatte rund um die Pflegeinitiative von verschiedenen Seiten immer wieder thematisiert. Das ist wohl der bedeutsame positive Aspekt des nun elf Jahre alten Kodex – er hat dazu beigetragen, dass die Problematik der Rekrutierung im Ausland durch die Schweiz, weniger als migrationspolitisches Thema gesehen wird, sondern als eines von mangelnder internationaler Solidarität.

"Mit einem Ja würde sich die Schweiz zu ihrer Verantwortung bekennen und Massnahmen erlassen müssen, um nicht nur bedarfsgerecht genügend Personal auszubilden, sondern um dieses auch im Beruf zu halten."

Der Kodex bräuchte aber unbedingt eine Revision, die aus dem gutgemeinten Instrument einen verbindlicheren Mechanismus macht, um klare Grenzen und Verantwortlichkeiten in der Rekrutierung von Gesundheitspersonal zu setzen und die Rechte des Gesundheitspersonals weltweit zu stärken.

Sollte dieses Wochenende die Pflegeinitiative eine Mehrheit finden – und einiges deutet darauf hin, sähe sich die Schweiz in der internationalen Gesundheitsdiplomatie plötzlich in einer neuen, gestärkten Position. Mit einem Ja würde sich die Schweiz zu ihrer Verantwortung bekennen und Massnahmen erlassen müssen, um nicht nur bedarfsgerecht genügend Personal auszubilden, sondern um dieses auch im Beruf zu halten. Genau damit könnte sich die Schweiz in der globalen Gesundheit stärker positionieren und Boden gut machen, den sie in Zusammenhang mit den Covid-19-Patenten verloren hat.

Martin Leschhorn Strebel
Martin Leschhorn Strebel ist Historiker und Geschäftsführer des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz.