Von Fatima Nasser-Eddine
Als Rehabilitationsspezialistin, die für Handicap International (HI) in Situationen anhaltender Krisen und Notlagen tätig ist, hat Fatima Nasser Eddine miterlebt, wie Konflikte, Naturkatastrophen und politische Instabilität Ungleichheiten verschärfen, insbesondere für Menschen mit Behinderungen. Diese Kontexte dürfen nicht nur als Gebiete humanitärer Not angesehen werden, sondern auch als Räume politischer Entscheidungen, in denen Untätigkeit oder mangelnde Inklusivität Millionen von Menschen zur Ausgrenzung verurteilen.
Die Weltgesundheitsversammlung verabschiedete im Mai 2023 HI eine historische Resolution zur Rehabilitation, für die sich HI eingesetzt hatte. Die Resolution soll das Leben von 2,4 Milliarden Menschen verbessern, die Rehabilitation brauchen und vor allem in besonders benachteiligten Ländern leben. Die Staaten haben sich daraufhin verpflichtet, die Rehabilitation in ihren Gesundheitssystemen auszubauen und zu stärken.
Im Mai 2025 habe ich in Genf an der Weltgesundheitsversammlung teilgenommen, um die Bedeutung der Rehabilitation zu unterstreichen und ein angemessenes politisches und finanzielles Engagement zu fordern, um den wachsenden Bedürfnissen gerecht zu werden.
In der öffentlichen Wahrnehmung wird Physiotherapie oft als individuelle Gesundheitsdienstleistung angesehen. In der Praxis ist sie jedoch viel mehr: ein grundlegender Hebel für den sozialen Wiederaufbau, für die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft und eine inklusive Entwicklung. Ohne Zugang zu Rehabilitation sind Bildung, Beschäftigung und Gesundheit für Menschen mit Behinderungen nur theoretische Rechte. Es handelt sich also nicht nur um eine technische oder medizinische Frage, sondern um eine politische Notwendigkeit.
In vielen Ländern, in denen HI tätig ist, wie im Jemen oder in Haiti, sind die Gesundheitssysteme jedoch „am Boden“ und Rehabilitationsdienste quasi nicht existent, oft unzugänglich oder kostenpflichtig. Die Folge ist einfach: Tausende von Menschen, die durch Konflikte, Gewalt oder Naturkatastrophen verletzt wurden, sehen ihr Leben aufgrund fehlender geeigneter Versorgung in der Schwebe.
Im Jemen, wo seit über einem Jahrzehnt Krieg herrscht, traf ich einen 13-jährigen Jungen, der durch eine Mine verstümmelt worden war. Er lebte 100 km vom nächsten Rehabilitationszentrum entfernt, ohne Transportmittel, ohne Geld und ohne Zukunftsaussichten. In Haiti ist es Judith, eine querschnittsgelähmte Frau, die von einer verirrten Kugel getroffen wurde und zurückgezogen in einem Flüchtlingslager in Port-au-Prince lebt. Sie hatte nie Zugang zu einem Rollstuhl oder irgendeiner Form von Rehabilitation. Diese Geschichten, so schmerzhaft sie auch sein mögen, sind keine Ausnahmen – sie sind das systemische Spiegelbild einer politischen Vernachlässigung.
Bei HI besteht die Aufgabe darin, Rehabilitation bereits in den ersten Phasen einer humanitären Krise zu integrieren. Das bedeutet, spezialisierte Teams einzusetzen, technische Mobilitätshilfen zu verteilen, lokales Personal auszubilden, bestehende Gesundheitszentren zu stärken und, wenn möglich, neue Zentren für die Versorgung mit Hilfsmitteln zu schaffen.
Diese Massnahmen dürfen jedoch nicht isoliert bleiben. Sie müssen durch einen starken politischen Willen unterstützt werden. HI setzt sich bei Staaten, Geldgebern und internationalen Institutionen dafür ein, dass die Rehabilitation in alle Kooperations- und Entwicklungsprojekte einbezogen wird.
"Ohne Zugang zu Rehabilitation sind Bildung, Beschäftigung und Gesundheit für Menschen mit Behinderungen nur theoretische Rechte." Fatima Nasser Eddine
Angesichts des enormen Bedarfs setzt HI auch auf Innovation: Mit Hilfe des 3D-Drucks können beispielsweise Prothesen und Orthesen vor Ort kostengünstig, schnell und mit übertragbarem Fachwissen hergestellt werden. Diese Art von technologischer Innovation ist kein Luxus, sondern eine strategische Notwendigkeit, um Versorgungslücken in abgelegenen Gebieten zu schließen.
Eine der stärksten Überzeugungen von HI ist schließlich, dass Menschen mit Behinderung nicht nur Empfänger von Hilfe sein sollten. Sie müssen in den Mittelpunkt der Entscheidungsprozesse gestellt werden, als Akteure des Wandels auftreten und vollwertig an der Wiederaufbaupolitik beteiligt sein. Ihre Inklusion ist keine Option – sie ist der einzige Weg zu einer gerechten, fairen und nachhaltigen Gesellschaft.
Das Recht auf Rehabilitation ist ein grundlegendes Menschenrecht. Entwicklung kann nicht als inklusiv bezeichnet werden, wenn sie die am stärksten benachteiligten Menschen aussenvorlässt. Heute ist es mehr denn je an der Zeit, Rehabilitation zu einer politischen Priorität zu machen, nicht nur um Körper zu heilen, sondern um Gesellschaften wiederaufzubauen, die niemanden zurücklassen.

Handicap International ist
eine unabhängige und unparteiische internationale Hilfsorganisation, die
in Situationen von Armut und Ausgrenzung, Konflikten und Katastrophen
tätig wird. Sie arbeitet mit Menschen mit Behinderungen und
schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen zusammen, setzt sich für sie ein
und macht auf ihre Bedürfnisse aufmerksam, um ihre Lebensbedingungen zu
verbessern und die Achtung ihrer Würde und ihrer Grundrechte zu fördern.
In der Schweiz spielt diese humanitäre Organisation eine wichtige Rolle
bei der Interessenvertretung gegenüber Behörden und Öffentlichkeit und
mobilisiert öffentliche und private Mittel, um die Entwicklungs- und
humanitären Projekte des internationalen Netzwerks vor Ort finanziell zu
unterstützen.