Spenden von nicht verwendeten Medikamenten in einkommensschwache Länder – eine Geste mit Risiken
Zur Vernichtung bestimmte Altmedikamente, Sri Lanka. Foto: © PSF Schweiz

Ein Medikament ist kein harmloses Produkt. Wenn es unter falschen Bedingungen verwendet wird, stellt es ein Gesundheitsrisiko dar. Dies ist einer der Gründe, weshalb die Spende von nicht gebrauchten Medikamenten nicht empfohlen wird. Apotheker ohne Grenzen (PSF) Schweiz möchte die Öffentlichkeit und Fachpersonen vor den Gefahren und unvorhergesehenen Folgen des Versands von nicht gebrauchten Medikamenten in ressourcenschwache Länder warnen. «Obwohl diese Praxis durch grosszügige Absichten motiviert ist, birgt sie sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht einige Risiken», erklärt Marie-José Barbalat, Präsidentin von PSF Schweiz.

«Obwohl diese Praxis durch grosszügige Absichten motiviert ist, birgt sie sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht einige Risiken». Marie-José Barbalat, Präsidentin von PSF Schweiz

Welche Risiken bestehen beim Versand von nicht gebrauchten Medikamenten (Altmedikamenten)?

  • Beeinträchtigte Qualität der Medikamente

Die Bedingungen für Transport und Lagerung von Altmedikamenten erlaubt keine Garantie, dass die ursprüngliche Qualität der Produkte erhalten bleibt. Aufgrund der Variabilität dieser Bedingungen können die Medikamente an Wirksamkeit verlieren, wodurch sich die Risiken für die Patient:innen vor Ort erhöhen.

  • Zu kurze Verfallsdaten

Ein grosser Teil der versandten Altmedikamente ist entweder bereits abgelaufen oder kurz vor dem Verfallsdatum. Die Verwendung solcher Medikamente kann zu einem Rückgang der therapeutischen Reaktionen führen, was in einigen Fällen schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann.

  • Fehlende Anpassung an lokale Bedürfnisse

Die Empfängerländer haben häufig epidemiologische Profile und spezifische Bedürfnisse, die sich von denen der Geberländer unterscheiden. Viele der gesendeten Altmedikamente sind daher nicht an die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung angepasst, weder in Krisensituationen noch im Rahmen von Entwicklungsprojekten.

  • Unkenntnis der Medikamente durch das lokale Personal

Häufig tragen die Verpackungen von Altmedikamenten Handelsnamen, die in den Empfängerländern unbekannt sind. Darüber hinaus sind die Beipackzettel in Fremdsprachen verfasst, die das lokale medizinische Personal nicht beherrscht, was das Risiko einer falschen Anwendung erhöht.

  • Unlauterer Wettbewerb mit der lokalen Wirtschaft

Die Einführung von Altmedikamenten in ressourcenschwache Länder kann die lokalen Wirtschaftskreisläufe stören, insbesondere wenn diese Medikamente mit lokal hergestellten oder legal importierten Arzneimitteln konkurrieren und so wirtschaftliche Ungleichgewichte verschärfen.

Müllverbrennungsanlage und Brunnen zur Entsorgung von abgelaufenen Medikamenten, Madagaskar. Foto: © PSF Schweiz
Müllverbrennungsanlage und Brunnen zur Entsorgung von abgelaufenen Medikamenten, Madagaskar. Foto: © PSF Schweiz

Zusätzliche Kosten für die Empfängerländer

Das Sortieren, Lagern und Entsorgen von ungeeigneten und/oder abgelaufenen Altmedikamenten ist für die Empfängerländer mit hohen Kosten verbunden, die oft den Wert der Medikamente selbst übersteigen. Darüber hinaus beeinträchtigt die zeitraubende Verwaltung dieser Altmedikamente die Nothilfebemühungen, wodurch die Wirksamkeit der Dienste vor Ort verringert wird.

Aus diesen Gründen und in Übereinstimmung mit den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Arzneimittelspenden arbeitet PSF Schweiz, wie viele andere im Gesundheitsbereich tätige Nichtregierungsorganisationen, nicht mit Altmedikamenten.

«Die Entsorgung von abgelaufenen Medikamenten ist eine Herausforderung, vor allem aufgrund des Personalmangels und des schwerfälligen Verwaltungsprozesses. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer strengen Lagerverwaltung, um die Anhäufung abgelaufener Medikamente zu begrenzen». Anita Mattei, PSF

Die Auswirkungen von nicht gebrauchten Medikamenten auf die Umwelt

In der Schweiz können Altmedikamente in Apotheken zur für Gesundheit und Umwelt sicheren Entsorgung zurückgegeben werden. In Ländern mit begrenzten Ressourcen ist dies nicht der Fall. In Tansania beispielsweise zielt der langwierige und komplexe Entsorgungsprozess von Altmedikamenten darauf ab, sowohl den Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt als auch die Umweltverschmutzung, die eine unsachgemässe Entsorgung verursachen kann, zu verhindern. Anita Mattei, freiwillige Apothekerin für PSF Schweiz in Tansania, erklärt: «Die Entsorgung von abgelaufenen Medikamenten ist eine Herausforderung, vor allem aufgrund des Personalmangels und des schwerfälligen Verwaltungsprozesses. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer strengen Lagerverwaltung, um die Anhäufung abgelaufener Medikamente zu begrenzen.»

Lagerort für Altmedikamente bis zur Vernichtung, Tansania. Foto: © PSF Schweiz
Lagerort für Altmedikamente bis zur Vernichtung, Tansania. Foto: © PSF Schweiz
«Durch die Unterstützung von kompetenten und erfahrenen NGOs stellen die Geber sicher, dass ihre Hilfe verantwortungsvoll eingesetzt wird und langfristig positive Auswirkungen hat». Christelle Badino Brás, Koordinatorin von PSF Schweiz

Unterstützung von Schweizer NGOs für eine nachhaltige und wirksame Hilfe

Anstatt Altmedikamente in andere Einsatzgebiete zu schicken, empfiehlt PSF Schweiz, in den Kauf von Medikamenten von zuverlässigen lokalen Lieferant:innen zu investieren. Dies garantiert die Qualität der Behandlungen, unterstützt gleichzeitig die lokale Wirtschaft und trägt zum Aufbau nachhaltiger Gesundheitssysteme bei.

Die finanzielle Unterstützung von Schweizer NGOs, die vor Ort arbeiten, wie PSF Schweiz, ist von entscheidender Bedeutung, damit sie weiterhin wirksame und angepasste Lösungen anbieten können. Die Gelder ermöglichen ihnen, Partnerschaften mit lokalen Akteuren aufzubauen, wichtige Medikamente zu kaufen und die Gesundheitsinfrastruktur zu verbessern. «Durch die Unterstützung von kompetenten und erfahrenen NGOs stellen die Geber sicher, dass ihre Hilfe verantwortungsvoll eingesetzt wird und langfristig positive Auswirkungen hat», schliesst Christelle Badino Brás, Koordinatorin von PSF Schweiz.

Regelmässige finanzielle Unterstützung stärkt die Fähigkeiten von NGOs, schnell und effektiv zu intervenieren, und ermöglicht den Aufbau widerstandsfähiger Gesundheitssysteme, die auch dann noch funktionieren, wenn die Krisen vorbei sind.

Marie-José Barbalat
Marie-José Barbalat, Präsidentin von Pharmaciens Sans Frontières – Suisse (PSF). Email
Christelle Badino Brás
Christelle Badino Brás, Koordinatorin von Pharmaciens Sans Frontières – Suisse (PSF). Email
Anita Mattei
Anita Mattei, freiwillige Apothekerin in Tansania für Pharmaciens Sans Frontières – Suisse (PSF). Email