Biodiversität und soziale Gerechtigkeit in Mali

Agrarökologie als Weg zur Gleichstellung

De Marilyn Umurungi

"Agrarökologie strebt ein Gleichgewicht von landwirtschaftlicher Produktivität, Umweltgesundheit und sozialer Gerechtigkeit an. Ein Projekt in Mali zeigt, wie die Biodiversität gefördert und soziale Gerechtigkeit gestärkt werden kann - durch die Nutzung lokaler Ressourcen und den Einsatz traditioneller Praktiken. "

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Agrarökologie als Weg zur Gleichstellung
Photo: ©IAMANEH

Die Republik Mali, deren nördliche Grenzen bis tief in die Wüste hineinreichen, ist das achtgrösste Land auf dem afrikanischen Kontinent. Der südliche Teil des Landes, in dem die Mehrheit der Menschen lebt, liegt in der sudanesischen Savanne und wird von den Flüssen Niger und Senegal durchflossen.

Die Wirtschaft des Landes stützt sich hauptsächlich auf die Landwirtschaft und den Bergbau. Im Jahr 1969 sah sich der Binnenstaat mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Der Versuch des Militärregimes unter General Moussa Traoré, die Wirtschaft zu reformieren, scheiterte durch politische Unruhen und eine verheerende Dürre, welche von 1968 bis 1974 andauerte. Die landwirtschaftlichen Probleme, Wasserknappheit und eine unzureichende Infrastruktur führten dazu, dass tausende von Menschen an den Folgen von Hungersnot starben.

Mitten in dieser Umbruchszeit setzte sich eine Gruppe von in Frankreich lebenden westafrikanischen Agronom:innen zusammen und gründete das Kollektiv «Groupe de Recherche et de Réalisation pour le Développement Rural (Grdr)».

Die Gruppe sah die Notwendigkeit, praktische Lösungen für die Verbesserung der Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung zu finden. Indem sie Projekte in den Bereichen Landwirtschaft, Bildung, Gesundheit und Umwelt initiierte, sollten nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken gefördert werden. Diese sollten sowohl ökologisch als auch sozial gerecht sein. Somit setzt sich der internationale Verein schon seit den 1970er Jahren mit verschiedenen Ansätzen der sogenannten «Agrarökologie» auseinander. Als interdisziplinäres Konzept kombiniert Agrarökologie ökologische und agronomische Prinzipien, um nachhaltige Landwirtschaftssysteme zu entwickeln.

In Mali hat die Grdr im Laufe der Jahre erfolgreich zahlreiche Programme umgesetzt, die auf die spezifischen Bedürfnisse der Gemeinden abgestimmt sind. Die Organisation arbeitet eng mit lokalen Gemeinschaften zusammen, um die Dezentralisierungspolitik zu stärken. In dem durch die zunehmende Mobilität der Menschen geprägten Sahelbecken trägt die Grdr mit ihren Tätigkeiten auch zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit bei.

Die Klimakrise erfordert neue Strategien der Inklusion

In ihrer Essenz zielen agrarökologische Projekte darauf ab, ein Gleichgewicht zwischen landwirtschaftlicher Produktivität, Umweltgesundheit und sozialer Gerechtigkeit herzustellen. Meistens stützen sich solche Projekte auf Erkenntnisse aus der landwirtschaftlichen Forschung zur besseren Nutzung von Ressourcen. Es geht aber in der Praxis nicht nur um eine Ausrichtung des Ernährungssystems auf eine verbesserte Ressourceneffizienz. Nachhaltige und ganzheitliche Praktiken, welche die Bedürfnisse der gegenwärtigen und zukünftiger Generationen berücksichtigen, sollen gefördert werden. Auch in Koulikoro steht der interdisziplinäre und intergenerationelle Austausch im Mittelpunkt des Projekts, das eine regenerative Nutzung natürlicher Ressourcen zum Ziel hat. Das soll erreicht werden, indem traditionelles Wissen und Erkenntnisse der modernen Wissenschaft verbunden werden.

Seit 2024 ist IAMANEH Schweiz eine der Partner:innen, die die Grdr bei der Umsetzung eines Projekts im Bereich «Inklusiver und nachhaltiger Gartenbau» unterstützt.Dieses zielt darauf ab, die wirtschaftlichen Möglichkeiten von Frauen in der Region Koulikoro zu fördern und sie zu befähigen, selbstbestimmte Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit und ihrer Lebensperspektiven zu treffen. Das agrarökologische Projekt knüpft an eine frühere Initiative von IAMANEH Schweiz an, bei der im Süden Malis rund 60 Gemüsegärten angelegt worden waren.

Die wirtschaftliche Kraft der Geschlechtergerechtigkeit

Besonders am Projekt ist, dass das Einbeziehen der Frauen für die Entwicklung des Landes als fundamental anerkannt wird. Frauen in Mali haben zwar formal das Recht auf Landbesitz, dennoch gibt es erhebliche Herausforderungen und Einschränkungen für sie, dieses Recht in Anspruch zu nehmen – obschon sie in den ländlichen Gemeinschaften oft die Hauptakteurinnen in der Nahrungsmittelproduktion sind. Wirtschaftliche Abhängigkeit und mangelnde finanzielle Ressourcen sowie ungenügender Zugang zu Krediten hindern Frauen daran, selbstständig Land produktiv zu bewirtschaften. Die Stärkung ihrer Rolle in wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen ist daher für die Grdr zentral. Nur so können langfristige Erfolge in der gerechteren Verteilung von Ressourcen erzielt werden.

Mittels spezifisch auf Frauen und Mädchen ausgerichteten Schulungsprogrammen will die Grdr das Wissen über agrarökologische Methoden unter den Bäuerinnen stärken. In der dreijährigen Projektphase mit IAMANEH Schweiz hat die GRDR ein Grundziel formuliert:

Bis Ende 2027 will das Projekt den sozioökonomischen Status von Frauen in den Regionen Koulikoro, Kangaba und Kati ganzheitlich verbessern. Konkret heisst das, Frauen werden finanziell gefördert, um Parzellen zu bewirtschaften. Zudem werden sie in agroökologischen Anbautechniken geschult, so dass sie in ihren Handlungsmöglichkeiten wachsen und zur Förderung der Gesundheit und Entwicklung ihrer Dorfgemeinschaften beitragen können. Die verschiedenen Projektziele lassen sich in fünf Etappen gliedern:

  • Diversifizierung der Anbauflächen
  • Einbeziehung lokaler Kenntnisse
  • Schulung und Kapazitätsaufbau
  • Regenerative Landwirtschaft
  • Stärkung der Gemeinschaft
"Durch den Anbau verschiedener Pflanzenarten wird die Biodiversität erhöht und die Abhängigkeit von Monokulturen reduziert. Diese gezielte Förderung der Biodiversität verbessert die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig und das Risiko von Ernteausfällen wird dabei massgeblich verringert. Bessere Ernten erlauben es, Überschüsse zu konservieren. Das Einkommen der Gemüsebäuerinnen ist dadurch schon im ersten Projektjahr messbar gestiegen." Marilyn Umurungi

Durch den Anbau verschiedener Pflanzenarten wird die Biodiversität erhöht und die Abhängigkeit von Monokulturen reduziert. Diese gezielte Förderung der Biodiversität verbessert die Bodenfruchtbarkeit nachhaltig und das Risiko von Ernteausfällen wird dabei massgeblich verringert. Bessere Ernten erlauben es, Überschüsse zu konservieren. Das Einkommen der Gemüsebäuerinnen ist dadurch schon im ersten Projektjahr messbar gestiegen.

Weiter werden Techniken wie Fruchtfolge, Bodenbedeckung und agrarforstwirtschaftliche Systeme angewendet, um die Bodenqualität zu verbessern und Erosion zu vermindern. Um dies auch langfristig gewährleisten zu können, werden Bäuerinnen in Workshops zu nachhaltigen Praktiken und Techniken geschult. Diese Weiterbildungen zur Ressourcenoptimierung, die gleichzeitig die Umwelt schützt, tragen zu einer ausgeglicheneren Kreislaufwirtschaft bei.

Schon in der Projektentwicklung hat die Grdr die Frauen in den Dorfgemeinschaften intensiv gefördert. Dies vor allem beim Bilden von landwirtschaftlichen Kooperativen, die ihnen helfen sollen, Ressourcen zu teilen, ihr Wissen auszutauschen und dadurch besseren Zugang zu Märkten zu erhalten.

Der intergenerationale Austausch von traditionellem Wissen, Ressourcen und Erfahrungen erlaubt es, die Bedürfnisse der Gemeinden besser zu erkennen und daher effektiver darauf eingehen zu können. Er legt das Fundament einer nachhaltige Agrarökonomie und trägt dazu bei, die Kapazitäten der lokalen Akteur:innen zu stärken und die Auswirkungen ihrer Projekte zu maximieren. In diesem Rahmen zielt das Projekt darauf ab, die Frauen der Kooperativen in das wirtschaftliche und produktive Gefüge ihres Gebiets einzubinden und so den Zugang der Frauengruppen zu Finanzierungen zu verbessern.

Mehr Druck auf die Integration von Genderaspekten in der Klimakrise

Wie die Sozialwissenschaftlerin und Bauingenieurin Ulrike Röhr in einem Arbeitspapier zu Klimapolitik und Gender schreibt, mangelt es bei internationalen Klimakonferenzen vor allem an der Anerkennung der Thematik der Geschlechtergerechtigkeit als eine für den Klimaschutz wichtige Grundlage[1]. Röhr argumentiert darin weiter, dass es bisher keinen Beschluss zur inhaltlichen Integration von Genderaspekten bei den Klimaverhandlungen gibt, sondern nur einen zur Partizipation von Frauen, der sich ausschliesslich auf die Nominierung von Frauen für Gremien bezieht.

Das Projekt der GRDR zielt ebenfalls darauf ab, die Beteiligung und den Einfluss von Frauen in gemeindebasierten Gremien zu verbessern, so dass ihre Landrechte bei der lokalen Planung berücksichtigt werden. Dies ist einer von mehreren Ansätzen, um die Resilienz der ländlichen Gemeinschaften zu stärken und die landwirtschaftliche Produktion nachhaltig zu gestalten. Trotzdem braucht es, wie Röhr ebenfalls betont, noch mehr Druck auf die tatsächliche Einbeziehung von Frauen in wirtschaftliche Grossprojekte.

Marilyn Umurungi
Marilyn Umurungi ist Kuratorin sowie Kunst- und Kulturvermittlerin. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Aufarbeitung des schweizerischen kolonialen Erbes und analysiert Machtstrukturen sowie die Gleichzeitigkeit von Unterdrückungsmechanismen aus einer queer-feministischen Perspektive. Seit 2023 koordiniert sie das Filmfestival «Frauenstark!» in Basel und unterstützt die Fachstelle Gender, Equity & Transformation bei IAMANEH Schweiz.