De Martin Leschhorn Strebel
Menschenrechte schützen die Würde des/der Einzelnen und begrenzen staatliche Macht. Angesichts globaler illiberaler Tendenzen und der Angriffe auf grundlegende Rechte, lohnt sich der Blick auch auf pragmatische Ansätze zur Stärkung der Menschenrechte in der globalen Gesundheit, wie die "Breaking Down Barriers Initiative" des Global Funds.
Menschenrechte dienen als der staatlichen Macht übergeordnete Richtlinien, um die Würde des Individuums sicherzustellen. Aus dem Wissen heraus, dass staatliche Macht immer eingegrenzt werden muss, um Gewalt und Willkür zu verhindern, spielen die Menschenrechte seit der französischen Revolution gerade in liberal gefassten Staaten eine Schlüsselrolle.
Natürlich sah selbst in demokratischen Staaten die Realität immer auch anders aus. Bereits kurz nach der Verabschiedung der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l'Homme et du Citoyen) durch die französische Nationalversammlung am 26. August 1789 kritisierte etwa Olympe de Gouges, dass in der allgemeinen Menschenrechtserklärung nicht von Frauen die Rede ist. Im 19. Jahrhundert waren es die Arbeiter und Arbeiterinnen, die gegen liberal gesinnte Fabrikherren ihre grundlegenden Rechte erkämpfen mussten.
Umgang mit Fahrenden, Kinder der Landstrasse, Fremdplatzierungen der Verdingkinder, Psychiatrisierung «unliebsamer» Zeitgenoss:innen oder Zwangssterillisierungen: Auch an Beispielen aus der Schweiz zeigt sich, dass Demokratien nicht davor geschützt sind grundlegende Menschenrechte zu missachten.
Was aber liberale Demokratien auszeichnet, sind Institutionen, welche die Verletzung der Menschenrechte publik machen und zur Anzeige bringen können. Gerade die Medien, aber auch zivilgesellschaftliche Organisationen spielten bei der Skandalisierung und Aufarbeitung der oben genannten Beispiele des Missbrauchs staatlicher Macht eine zentrale Rolle. In der Regel funktioniert aber auch Gewaltenteilung zwischen Regierung, Parlament und Justiz als zentrales Korrektiv.
Denken wir an Ungarn – als Prototyp moderner illiberaler Demokratien – zeigt sich, was passiert, wenn diese fundamentalen Institutionen nicht mehr funktionieren. Und es ist erschreckend, dass sich auch die gegenwärtige Regierung in den USA an diesem europäischen Beispiel orientiert.
Wir sehen aber auch in der Schweiz illiberale Tendenzen, die wir genau beobachten und uns auch dagegen zu Wehr setzen sollten. Nichtregierungsorganisationen werden auch in der Schweiz unter Druck gesetzt – etwa durch die finanzpolitischen Massnahmen im Nachgang zum Beinahe-Erfolg der ersten Konzernverantwortungsinitiative.
Die
Arbeit der Medien unterliegt auch in der Schweiz Restriktionen, wenn es
um das Bankgeheimnis geht. Das Parlament attackiert den Europäischen
Menschenrechts-Gerichtshof, weil dieser sich in einem Leiturteil
zugunsten der Klimaseniorinnen ausgesprochen hat. Und gerade im
Asylbereich erodieren die Rechte der Betroffenen seit rund drei
Jahrzehnten laufend.
Dass grundlegende Rechte in Frage gestellt und das diskursive Schlechtreden der Menschenrechte auch in liberalen Staaten um sich greift, muss Akteur:innen, die in den Bereichen Public Health, internationale Gesundheitszusammenarbeit und der globalen Gesundheit tätig sind, grosse Sorge machen. Sie wissen, welche Rolle das Recht auf Gesundheit und der Schutz der Menschenrechte spielen, damit sich die gesundheitliche Lage von Bevölkerungen verbessern.
Die sexuellen und reproduktiven Rechte zeigen das gut. Die Stärkung der Rechte von LGBTQI+-Menschen haben gepaart mit dem medizinischen Fortschritt und den finanziellen Investitionen erst die spektakulären Erfolge im Kampf gegen HIV/Aids in den letzten 25 Jahren ermöglicht. Public Health-Fachleute wissen, dass die Ausgrenzung gleichgeschlechtlich Liebender oder die Kriminalisierung von Sexarbeiter:innen dazu führt, dass diese Schlüsselgruppen im Kampf gegen sexuell übertragbare Krankheiten sich nicht testen lassen und damit die Krankheiten auch weiterverbreiten – in die sogenannte Mehrheitsbevölkerung hinein. Oder anders gesagt: Sich für Diversität, Inklusion und Gleichstellung zu engagieren ist kein woker Wahn, sondern beste Public Health-Praxis.
Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung oder allgemeiner die Verletzung der Menschenrechte und des Rechts auf Gesundheit ist eines der bedeutendsten Hindernisse, um die öffentliche Gesundheit zu sichern und zu verbessern – und zwar weltweit.
In der internationalen Gesundheitszusammenarbeit arbeiten viele Partnerorganisationen in Kontexten, in welchen die Menschenrechte unter Druck sind. Geldgeber:innnen von Gesundheitsprogrammen aus ressourcenstarken Ländern befinden sich hier in einer delikaten Lage. Einerseits ist es zentral, dass ihre Programme gut in die durch die Regierung verabschiedeten nationalen Gesundheitsstrategien eingebettet sind. Andererseits sind die eingesetzten Mittel nur wirksam, wenn diese Strategien demokratisch breit abgestützt sind, von den betroffenen Gemeinschaften mitgetragen werden und staatliche Gesetzgebung die Rechte dieser Gemeinschaften nicht einschränkt.
Entwicklungszusammenarbeitsagenturen von liberalen Regierungen setzten bislang darauf, dass sie die Kooperation mit den Regierungen in den implementierenden Ländern durch gezielte Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Strukturen ergänzt haben. Die Stärkung der Zivilgesellschaft ist seit rund 30 Jahren ein wichtiger Hebel der internationalen Zusammenarbeit.
Daneben konnte in manchen Fällen auch über diplomatische Kanäle ein gewisser Druck auf die Partnerregierungen ausgeübt werden, um eine Drangsalierung von lokalen Gemeinschaften und Organisationen abzufedern. Die Schwäche lag dabei aber meist auch in den ausserhalb der Agenturen liegenden wirtschaftlichen Interessen der geldgebenden Regierungen.
Wie gezielt gegen die Einschränkungen durch sich verschlechternde Menschenrechtssituationen und die Kriminalisierung spezifischer, für die Umsetzung von Gesundheitsprogrammen zentraler Bevölkerungsgruppen (Key Population) vorgegangen werden könnte, zeigt der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (Global Fund).
Seit 2017 führ der Global Fund sogenannte „Breaking Down Barriers Initiative“ (BDB) in rund 20 Ländern durch. Das sind spezifische,
ausserhalb der generellen für ein Land vorgesehen Mittel eingesetzte
Investitionen, um Programme und Interventionen auszuweiten, welche die
durch eine schlechte Menschenrechtslage bedingten Barrieren im Zugang zu
HIV-, Tuberkulose- und Malariadienstleistungen beseitigen sollen. In
der ersten Phase haben 20 Länder teilgenommen. Die Ergebnisse wurden 2023
ausgewertet.
"Was aber liberale Demokratien auszeichnet, sind Institutionen, welche die Verletzung der Menschenrechte publik machen und zur Anzeige bringen können." Martin Leschhorn Strebel
BDB zeigt die Vielfalt der Interventionsmöglichkeiten auf, um die Menschenrechtslage zu verbessern (Summary Report, 2024, S.4):
Die Ergebnisse der Initiative sind für die Länder generell unterschiedlich. Sie zeigen aber, dass Anti-Stigma-Programme das Verhalten von Gesundheitsdienstleister:innen, Polizei und allgemein der Öffentlichkeit positiv verbessert haben. Durch verbesserten Zugang zur Justiz konnten auch die Rechte der von HIV, Tuberkulose und Malaria betroffene Bevölkerung gestärkt werden.
Die Frage stellt sich, ob die Initiative gerade auch dort erfolgreich ist, wo sich die Rechte der Bevölkerung allgemein im Niedergang befinden. Der Bericht bejaht dies sehr klar: „Bemerkenswert ist auch, dass Fortschritte sich zeigten, trotz der sich verschlechternden sozialen und politischen Rahmenbedingungen, des Einflusses von Anti-Gender und Anti-Rights-Bewegungen und der damit verbundenen Einschränkung des Handlungsspielraums der Zivilgesellschaft. In diesem Kontext zeigen sich die Widerstandsfähigkeit der Menschenrechtsprogramme und ihre entscheidende Bedeutung für die Bewältigung der Auswirkungen von Krisen auf die Gesundheit und Rechte der Menschen – sei es aufgrund des Aufkommens des Konservatismus, dem Rückschlag für die Menschenrechte oder Krieg. Dies zeigt erneut den Wert des Ansatzes „Breaking Down Barriers“ und den Unterschied, den die Aufstockung von Ressourcen und Programmen bewirken kann.“ (Summary Report, 2024, S.6)
Die Breaking-Down-Barriers-Initiative des Global Funds zeigt, dass es pragmatische Ansätze gibt, um die Rechte von gesellschaftliche Schlüsselgruppen zu stärken – gerade auch in einem schwierigen Umfeld. Die Probleme beginnen aber dort, wo selbst in Ländern, die für solidarische und liberale Werte eingetreten sind, grundlegende Rechte in Frage gestellt werden und die Zivilgesellschaft unter starken Druck gerät. Vor diesem Hintergrund ist es richtig und wichtig, wenn auch wir uns an den historischen Kampf für die Menschenrechte erinnern und diesen Kampf wieder aufnehmen und fortführen.
Literatur
Summary Report on Progress to Reduce Human Rights-related Barriers to HIV, TB and Malaria Services. Global Fund, July 2024. https://www.theglobalfund.org/media/14849/crg_2024-progress-reduce-human-rights-related-barriers-hiv-tb-malaria_summary_en.pdf