De Susanne Rohner
Die Angriffe auf sexuelle und reproduktive Rechte nehmen weltweit rasant zu und sie sind kein Zufallsprodukt einzelner Ereignisse. Vielmehr sind sie Ausdruck einer strategisch organisierten Anti-Gender-Bewegung, die längst nicht mehr nur aus konservativ-religiösen Akteuren besteht. Eine neue Allianz aus fundamentalistischen Gruppen, rechtsextremen Parteien und autoritären Regierungen treibt eine politische und gesellschaftliche Gegenrevolution voran, die weit über Fragen der Sexualität hinausreicht. Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) beobachtet diese Entwicklungen seit Jahren im Rahmen internationaler Partnerschaften und warnt: Die aktuellen Angriffe sind Teil eines breiten, transnationalen Projekts, das Menschenrechte, Demokratie und eine regelbasierte internationale Ordnung ins Wanken bringt.
Die sexuellen Rechte stehen unter Druck: darüber besteht aktuell leider kaum mehr Zweifel. SEXUELLE GESUNDHEIT SCHWEIZ (SGCH) kennt als nationaler Dachverband der Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit und der Fachstellen für Sexualaufklärung in der ganzen Schweiz viele entsprechende Beispiele. Es ist wichtig und aufschlussreich, einzelne Ereignisse aber nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in einen breiteren Kontext einzubetten, sowohl den nationalen wie auch den internationalen, denn diese Ereignisse sind Teil von grösseren Entwicklungen, auf die wir reagieren müssen
Relevant ist vor allem der internationale Kontext, den wir im Folgenden genauer unter die Lupe nehmen. Als Grundlage dienen die Erkenntnisse und Erfahrungen von SEXUELLE GESUNDHEIT SCHWEIZ im Rahmen von langjährigen internationalen Partnerschaften:SEXUELLE GESUNDHEIT SCHWEIZ ist akkreditiertes Mitglied der International Planned Partenhood Federation (IPPF) und seit 2011 Partnerin des europäischen Advocacy-Projekts Countdown 2030 Europe unter dem Lead von IPPF European Network. Zudem arbeitet SGCH im Rahmen parlamentarischer Advocacy mit der UN-Organisation UNFPA und dem European Parliamentary Forum for sexual and reproductive Rights (EPF) zusammen. Das EPF koordiniert unter anderem die Arbeit der Sekretariate der europäischen parlamentarischen Gruppen im Bereich der sexuellen Gesundheit und Rechte. Dessen Geschäftsführer Neil Datta hat in den vergangenen Jahren die Anti-Gender-Bewegung genauer untersucht und mehrere Berichte veröffentlicht, darunter «Restoring the Natural Order» (2018), «The Tip of the Iceberg» (2021) und im Oktober 2025 «The Next Wave: How Religious Extremism is Regaining Power», auf die sich die folgenden Abschnitte unter anderem abstützen.
Einstiegs muss festhalten werden: Opposition gegen Themen sexuelle Selbstbestimmung und Frauenrechte hat es schon immer gegeben. So waren es vor allem (ultra)-konservative religiöse Kräfte, die sich während Jahrzehnten vehement gegen die Selbstbestimmung und die Öffnung des Zugangs zum Schwangerschaftsabbruch stellten. Eine treibende Rolle spielte die katholische Kirche wie beispielsweise in Ländern wie Irland, wo der Schwangerschaftsabbruch erst 2018 durch ein Referendum legalisiert wurde.
Was heute anders ist: es sind nicht mehr hauptsächlich religiös motivierte konservative und fundamentalistische Kräfte, die sich gegen sexuelle und reproduktive Rechte stellen. Neu ist eine eigentliche «unheimliche Allianz» zwischen religiös sehr konservativen bis fundamentalistischen Kräften mit rechtsgerichteten bis rechtsextremen autoritären politischen Parteien entstanden, die den Gender-Backlash voran stossen. Es kommen neue Dimensionen hinzu, indem sich diese nicht nur gegen einzelne sexuelle Rechte stellen wie Bsp. das Recht auf Abtreibung, sondern indem diese Allianz einen viel weitreichenderen politischen und gesellschaftlichen Wandel vorantreibt, wobei die Menschenrechte und die Demokratische Systeme grundlegend infrage gestellt werden. (Datta, 2025)
2018 publizierte Neil Datta, der Geschäftsführer des EPF, seinen ersten Bericht: «Restoring the Natural Order», der erstmals die Ziele und Strategien eines sich im Aufbau befindlichen transnational agierenden Netzwerks offenlegte, das sich gegen sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte in Europa richtet. Das Netzwerk entstand um 2013 als loser Zusammenschluss von rund 300 Organisationen und Einzelpersonen aus ganz Europa, Russland und den USA.
Die treibende Rolle nahm die Katholische Kirche ein, zum Netzwerk gehörten aber weitere religiös inspirierte Gruppen und Individuen verschiedener Konfessionen wie auch PolitikerInnen aus dem politischen Mitte-Rechts-Spektrum. Das Netzwerk agierte damals noch vor allem reaktiv und zielte darauf ab, bestehende Rechtsvorschriften zu grundlegenden Menschrechten in Bezug auf Sexualität und Reproduktion in Europa wieder zu kippen, wie zum Beispiel das Recht auf Recht auf Zugang zu Verhütung, Schwangerschaftsabbruch, medizinisch unterstützten Fortpflanzungstechniken, Scheidung sowie LGBTIQ-Rechte.
Als Grundlage diente ein anonymes Strategiepapier namens «Restoring the Natural Order» aus dem Jahr 2013. Der Titel ist bis heute Programm: es geht darum, eine sogenannte «natürlichen Ordnung», die der menschliche Wille angeblich nicht ändern kann, wiederherzustellen. Damit richtet sie sich insbesondere gegen die «sexuelle‘ Revolution» durch die insbesondere „der Geschlechtsakt von seinem ursprünglichen Zweck, der Fortpflanzung, getrennt wurde».
Das Netzwerk hat sich seither stark weiterentwickelt, ausgebaut, professionalisiert und neu positioniert. Im Folgenden sollen fünf konkrete Entwicklungen beziehungsweise aktuelle Merkmale der Anti-Gender-Bewegung hervorgehoben werden
Die Bewegung hat ihre Sprache stark gewandelt, indem eigentliche anti-gender-Botschaften in einem neuen Menschenrechtsframing daherkommen. Sie hat sich damit in der Sprache der gesellschaftlichen Säkularisierung angepasst: sie argumentiert nicht mehr religiös, sondern übernimmt ein Menschenrechtsframing. Die Anliegen der Anti-Gender-Bewegung werden als «Rechte» umformuliert, wobei eine Umkehrung stattfindet wie zB. das Recht, vor Gender-Ideologie geschützt zu werden.
Gender ist das Schlüsselwort, das verbindende Element dieses äusserst diversen Netzwerks. Gender dient als Sammelbegriff für alles, was die Anti-Gender-Bewegung als problematisch betrachtet, alles, was von der «natürlichen Ordnung» abweicht, das heisst von der von ihr definierten cis-hetero-normativen hierarchisch partriarchal strukturierten Gesellschaft. Das Konzept der «Gender-Ideologie» wird als Rhetorik eingesetzt, um gegen die sexuellen Rechte, soziale Innovationen wie auch gegen Massnahmen zur Förderung der Geschlechtergleichstellung zu mobilisieren.
Die «traditionelle» Familie, das heisst die heterosexuelle Kernfamilie, mit dem Vater als Ernährer und der Mutter, die care-Arbeit leistet, ist die zentrale Einheit der Gesellschaft, sie bildet den Grundpfeiler der gesellschaftlichen Stabilität. Rund um die Familie werden ganz gezielt verschiedene Narrative verwendet, die auch in der Schweiz und Europa vermehrt auftauchen, wie:
Die vergangenen fünf Jahre sind gekennzeichnet von einer starken Professionalisierung der Anti-Gender-Bewegung und dem Aufbau einer Parallelstruktur, die sich verschiedentlich manifestiert:
In den letzten fünf Jahren haben sich die politischen Parteien zu den wichtigsten Motoren für die Anti-Gender- und religiös- extremistische Mobilisierung in ganz Europa entwickelt was mit einer bedeutenden Umgestaltung der Struktur, der Strategie und der Einflussquellen der Bewegung einhergeht. Rechtsextreme politische Parteien und damit verbundene Plattformen haben sich zunehmend in den Mittelpunkt von Anti-Gender-Mobilisierungen in ganz Europa gestellt. Unter ihnen ist Ungarn ein zentraler Akteur. Aber auch in andern Ländern machen Parteien wie die AfD in Deutschland, dem Rassemblement National (ehemals Front National) in Frankreich, den Schweden Demokraten in Schweden, und Exponenten der SVP in der Schweiz mit einer Anti-Gender-Agenda Politik europäisch und global verbunden, unter starken Einfluss von Russland und den USA.
Die Debatten in UN-Gremien wie der Commission on the Status of Women (CSW) und der Commission on Population and Development (CPD) sind in den vergangenen fünf Jahren immer schwieriger geworden, es gab Rückschritte in der Sprache und die Staaten konnten sich auf keine Abschlussdokumente mehr einigen. Damit aber nicht genug. Parallel dazu sind rechtsgerichtete Regierungen und Anti-Gender-Gruppe dazu übergegangen, alternative Normen aufzustellen, die UN-Konventionen ähneln, aber keine sind. Sie bedienen sich eines Menschenrechtsvokabulars, stellen sich aber gegen international anerkannte Menschenrechte. Als Beispiel kann hier die Geneva Consensus Declaration on Promoting Women's Health and Strengthening the Family genannt werden. Sie ist am Rande der WHO health assembly 2020 entstanden und präsentiert sich als internationales auf Rechten basiertes Dokument und kommt wie ein «normales» auf Menschenrechten basiertes internationales Abkommen daher. Erstunterzeichnende: waren unter anderen die USA und Ungarn. Sie steht den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen zur Unterzeichnung offen, die jedoch „bekräftigen müssen, dass es kein internationales Recht auf Abtreibung gibt“. Sie dient als diplomatisches Organisationsinstrument, um eine Koalition gegen sexuelle und reproduktiveGesundheit und Rechte zu bilden.
Auch im Rahmen des Europarats gibt es eine Serie von Kampagnen, die nicht nur die Ratifizierung der Istanbul-Konvention verhindern, sondern diese in bestimmten Ländern wieder Rückgängig machen möchte. Die Istanbul-Konvention ist ein wichtiges Instrument zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt. Ende Oktober 2025 wurde beispielsweise bekannt, dass das Parlament von Lettland für den Ausstieg aus der Istanbul-Konvention gestimmt hat. Als Argument wurde eingebracht, diese widerspreche traditionellen Familienwerten es fördere radikalen Feminismus und Gender-Ideologie.
Gemässe Recherchen des EPF wurden zwischen 2019 und 2023 insgesamt 1,18 Mrd. USD an Finanzmitteln von 275 Organisationen bereitgestellt, die sich in Europa an Anti-Gender-Initiativen beteiligen. Rund 73 % dieser Mittel stammten aus 27 Ländern im geografischen Europa, während die Russische Föderation 18 % beisteuerte und auf US-Organisationen, die in Europa Ausgaben tätigten, 9 % entfielen. In Europa war Ungarn mit 172 Mio USD das Land mit der höchsten Finanzierung von Anti-Gender-Aktivitäten.
Wichtig: die Anti-Gender-Organisationen zapfen vermehrt auch öffentliche Gelder an. Als Beispiel auf EU-Ebene ist die World Youth Alliance (WYA) zu erwähnen, die enge Beziehungen zu Opus Dei unterhält. Opus Dei ist eine ultrakonservative Struktur innerhalb der katholischen Kirche, die auch Verlinkungen zur deutschen Privatstiftung «Ja zum Leben» hat.
Woher kommt das Geld: von Milliardären von überall her, Stiftungen, Kirchen, Tech-Branche.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Anti-Gender-Bewegung hat sich in den letzten fünf Jahren stark weiterentwickelt und professionalisiert. Wie sie sich Hand in Hand mit aufstrebenden autoritären Machthabern und rechtsextremen Populisten ihren Einfluss auf den öffentlichen Diskurs und die Politik in ganz Europa und weltweit ausbaut, sich in demokratische Institutionen einbinden lassen, um diese von innen heraus auszuhöhlen. Die sexuellen Rechte sind dabei besonders betroffen, es geht aber nicht nur um sie, es geht mit ihnen um die Verteidigung von Menschenrechten, demokratischen Institutionen und ein Rechtebasierte internationale Ordnung.
Hier gibt es natürlich einen Elefanten im Raum, den wir nur am Rande erwähnt haben: das sind die USA. Was aktuell in den USA geschieht kommt nicht unerwartet. Es handelt sich um einen radikalen Umbau mit Ansage, der bereits im Vorfeld der US-Wahlen im «Project 2025» «angekündigt. Das «Project 2025» ist eine Roadmap der Heritage Foundation, einer einflussreichen ultrakonservativen rechten Denkfabrik der USA, die 2023 publiziert wurde und darauf abzielt, die US-Bundesregierung und der Regierungstätigkeit drastisch umzugestalten.
Die Schwedische IPPF-Organisation RFSU hat vor den Wahlen in den USA eine Studie in Auftrag gegeben, die die globalen Auswirkungen der Umsetzung dieser Roadmap im Falle einer zweiten Amtszeit aufzeigen sollte. Das heisst, die Auswirkungen auf die Aussen- und Entwicklungspolitik der USA in Bezug auf sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte sowie Geschlechtergleichstellung haben könnten. Die Studie wurde im September 2024 kurz vor den US-Wahlen veröffentlicht.
Wie wir aktuell sehen, hat Trump inzwischen zahlreiche der damals extrem erscheindenden Massnahmen des Project 2025 sofort mittels unzähliger Executive Orders umgesetzt:
Wie Countdown 2030 Europe aufzeigte, haben bis im April 2025 8 Europäische Geberländer sowie die Europäische Union Budgetkürzungen in der Höhe von 30 Milliarden Euro bei der internationalen Zusammenarbeit angekündigt oder bereist umgesetzt, was für die sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte einen weiteren Einbruch bedeutet. Die Schweiz ist eines dieser Länder und hat beispielsweise bei UNAIDS die Kernbeiträge ganz gestrichen. Das wird enorme Rückschritte in der weltweiten Aids-Prävention bedeuten. Aktuell finden im Parlament weitere Debatten zu Budgekürzungen statt.Auch wir stehen in der Verantwortung und sollten Gegensteuer geben in dieser Entwicklung der Unterwanderung der Menschenrechte, der Solidarität und des Mulitlateralsimus.
Wichtig: wir dürfen den Optimismus nicht verlieren und auch den Blick darauf, dass auch wir viele Ressourcen haben. Wir haben im Bereich der sexuellen Gesundheit und Rechte in den vergangenen Jahren viel erreicht, wir sind bestens vernetzt, es bestehen jahrelange Kollaborationen, die auf viel Expertise und Vertrauen aufbaut.
Es gibt gerade in Europa viele Ressourcen und starke zivilgesellschaftliche Netzwerke wie Countdown 2030 Europe, das in Europa über die Grenze hinweg aktiv ist um gemeinsam mit Entscheidungsträger*innen die sexuellen Rechte auf nationaler und europäischer Ebene sowie in internationalen Foren zu verteidigen und voranzubringen. Es ist zentral, zusammenzuarbeiten, eine gemeinsame Strategie zu verfolgen und sich weiter zu vernetzen auch mit der Wissenschaft und weiteren zivilgesellschaftlichen Kreisen, der Politik, den Medien, der Gesellschaft.
Dieser Artikel stützt sich auf ein Webinar von SEXUELLE GESUNDHEIT SCHWEIZ (SGCH), in dem die Dynamiken im Detail diskutiert wurden.