Das internationale Jahr der Pflegefachpersonen & Hebammen erhielt durch COVID-19 einen neuen Stellenwert

Die Welt braucht Pflegefachpersonen

De Roswitha Koch et Martina Camenzind

Die Gesundheitsversorgung steht weltweit vor grossen Herausforderungen, nicht nur wegen der Covid-19-Pandemie. Dass die Pflegefachpersonen einen immensen Beitrag zur Lösung beitragen können, hat die WHO erkannt, und das Jahr 2020 zum internationalen Jahr der Pflegefachpersonen und Hebammen ausgerufen. Anstatt das Potenzial zu nutzen, leisten sich viele Staaten, auch die Schweiz, den Luxus, Kompetenzen brachliegen zu lassen. Sie vergraulen so Fachpersonen und gefährden die Versorgung der Menschen.

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Die Welt braucht Pflegefachpersonen
Investitionen in die Qualifikation des Pflegepersonals wären zielführender. Pro Jahr lassen sich mit mehr diplomierten Pflegefachpersonen bis zu 2 Milliarden sparen. Eine Pflegefachfrau am Aktionstag des Bündnisses für Gesundheitsberufe am 31. Oktober 2020 auf dem Berner Bundesplatz. Foto: © Sébastien Bourquin)

2020 war als das "internationale Jahr der Pflegefachpersonen und Hebammen" angekündigt und tatsächlich wurde es das auch. Allerdings anders, als das von WHO, dem International Council of Nurses und der International Confederation of Midwifes geplant war. Aber die Covid-Pandemie machte offensichtlich, welche zentrale Rolle die Pflegefachpersonen für die Gesundheitsversorgung spielen.

Es geht nicht um Betten

So katastrophal die Covid-Pandemie in vielerlei Hinsicht ist, sie hatte für die Anerkennung der Pflegefachpersonen einen positiven Effekt: Der Öffentlichkeit wurde bewusst, dass leere Betten auf Intensivstationen oder ausreichend Beatmungsgeräte nicht der springende Punkt sind, wenn schwer erkrankte Covid-Patientinnen und -Patienten versorgt werden müssen. Medienberichte zeigten auf, was es bedeutet, wenn diese Patientinnen kompetent gepflegt werden müssen. Bis ins Detail wurde diesmal hingeschaut und beschrieben, was dahintersteckt, wenn eine beatmete Person mit all ihren Zu- und Abgängen für Medikamente, Flüssigkeit, Urin und Stuhl auf den Bauch gedreht werden soll, um ihr die Atmung zu erleichtern. Plötzlich – endlich! – rückte die Kompetenz, das Fachwissen der Pflegefachpersonen in den Fokus, zusätzlich zu ihrer zweifellos ebenso notwendigen Empathie für die Menschen, die sie pflegen und ihrer zuweilen bis zur Selbstaufopferung gehenden Einsatzbereitschaft für ihre Patient*innen.

Das hartnäckige Klischee

Die medizinische Versorgung hat in den letzten Jahrzehnten immense Fortschritte gemacht. Krankheiten oder Unfälle, die früher unweigerlich zum Tod geführt haben, können heute immer besser behandelt werden. Dieser Fortschritt hatte zur Folge, dass auch die Anforderungen an die professionelle Pflege laufend gestiegen sind. Und die Pflege hat diese Herausforderung angenommen. Davon zeugt nicht zuletzt die Entwicklung der Ausbildung.

Der Beruf der diplomierten Pflegefachfrau, der ehemaligen Krankenschwester, ist heute ein Beruf der höheren Berufsbildung auf Tertiärstufe und wird an einer höheren Fachschule oder mit Bachelorabschluss an einer Fachhochschule gelehrt. Er bietet unzählige Karrieremöglichkeiten, seien es Nachdiplomstudiengänge, zum Beispiel Spezialisierungen wie in Intensiv- oder Notfallpflege; sei es ein Masterstudium bis hin zum Doktorat und weiter. Die pflegewissenschaftliche Forschung leistet einen grossen Beitrag dazu, dass die Pflege gerüstet ist, um die Herausforderungen, die sich aus der demografischen Entwicklung ergeben, anzunehmen.

Plötzlich – endlich! – rückte die Kompetenz, das Fachwissen der Pflegefachpersonen in den Fokus, zusätzlich zu ihrer zweifellos ebenso notwendigen Empathie für die Menschen, die sie pflegen und ihrer zuweilen bis zur Selbstaufopferung gehenden Einsatzbereitschaft für ihre Patient*innen.
Permanenter Stress und eine hohe Arbeitsbelastung treiben das 46 Prozent der Pflegefachpersonal frühzeitig aus dem Beruf. Eine Verschwendung von Kompetenzen sondergleichen.Eine Pflegefachfrau am Aktionstag des Bündnisses für Gesundheitsberufe am 31. Oktober 2020 auf dem Berner Bundesplatz. Foto: © Martina Camenzind. <br>
Permanenter Stress und eine hohe Arbeitsbelastung treiben das 46 Prozent der Pflegefachpersonal frühzeitig aus dem Beruf. Eine Verschwendung von Kompetenzen sondergleichen.Eine Pflegefachfrau am Aktionstag des Bündnisses für Gesundheitsberufe am 31. Oktober 2020 auf dem Berner Bundesplatz. Foto: © Martina Camenzind.

Doch scheint sich in einigen Köpfen immer noch das Klischee der dienenden Krankenschwester zu halten, die sich aus reiner Herzensgüte aufopfernd um die Menschen kümmert und Anweisungen des Arztes ausführt. Anders lässt sich kaum erklären, dass nach wie vor gegen die "Akademisierung" der Pflege angeredet wird. Oder dass hochqualifizierten Berufsleuten mit altrechtlichem Titel, zahlreichen Weiterbildungen und einem immensen Erfahrungswissen der Zugang zu einer akademischen Laufbahn verbaut wird, indem ihnen der nachträgliche Bachelortitel (NTE) nur zu äusserst restriktiven Bedingungen erteilt wird. Und das Schlimme ist: Die zuständigen Stellen machen nicht einmal einen Hehl daraus: So steht im Bericht des eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung zum Nachträglichen Titelerwerb für Pflegefachpersonen: «Mit dieser Regelung soll der FH-Titel nicht verwässert werden und die HF-Ausbildung nicht an Bedeutung verlieren (Gefahr einer übermässigen Akademisierung)» (Neuhaus, B. 2019).

Verschwendung von Geld

Mit dieser Einstellung verbauen sich die Gesundheitspolitiker*innen in der Schweiz unzählige Möglichkeiten. Dazu gehört auch das Ziel, das zuoberst auf ihrer Wunschliste steht (wenigstens, wenn man ihren öffentlichen Äusserungen Glauben schenken soll): Das Wachstum der Gesundheitskosten bremsen. Sie ignorieren hartnäckig wissenschaftlich belegte Fakten, die beweisen, dass es sich lohnt, in die Qualität des Pflegepersonals zu investieren. Eine neue Analyse von Schweizer Daten (Camenzind, M. 9/2020) Neuhaus, B. 2019) belegt, dass dank einem höheren Anteil von diplomierten Pflegefachpersonen in Akutspitälern pro Jahr bis zu 500 Millionen Franken gespart werden könnten, indem die Aufenthaltsdauer in den Spitälern kürzer wird.

Die Studie Intercare des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Basel errechnete, dass dank mehr diplomierten Pflegefachpersonen in der ambulanten und stationären Langzeitpflege bis zu 1.5 Milliarden Franken pro Jahr gespart werden könnten, da kostspielige Spitalaufenthalte vermieden werden können. Natürlich würden die Personalkosten steigen, wenn der Anteil der diplomierten Pflegefachpersonen höher ist, die potenziellen Einsparungen übersteigen diese Kosten aber um ein Vielfaches.

Der finanzielle Aspekt ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Nicht bezifferbar sind das unnötige Leiden und die unnötigen Todesfälle, die dank qualifizierter Pflege verhindert werden. Der Pflegewissenschaftler Prof. Dr. Michael Simon und der Ökonom Prof. Michael Gerwig konnten in der genannten Analyse der Daten des Bundesamts für Statistik nachweisen, dass pro Jahr 269 Todesfälle vermieden werden könnten. Dazu kommen tiefere Komplikationsraten zum Bespiel für Delir oder metabolische Entgleisungen.

Doch scheint sich in einigen Köpfen immer noch das Klischee der dienenden Krankenschwester zu halten, die sich aus reiner Herzensgüte aufopfernd um die Menschen kümmert und Anweisungen des Arztes ausführt.
Die Covid-Pandemie brachte das Gesundheitspersonal ins Rampenlicht –  und auf die Strasse: Ein breites Bündnis von Berufsverbänden und Gewerkschaften verlangt in einer Protestwoche Ende Oktober 2020 bessere Arbeitsbedingungen, echte Anerkennung und ein Ende des Durchökonomisierung des Gesundheitswesens. Foto: © Sébastien Bourquin
Die Covid-Pandemie brachte das Gesundheitspersonal ins Rampenlicht –  und auf die Strasse: Ein breites Bündnis von Berufsverbänden und Gewerkschaften verlangt in einer Protestwoche Ende Oktober 2020 bessere Arbeitsbedingungen, echte Anerkennung und ein Ende des Durchökonomisierung des Gesundheitswesens. Foto: © Sébastien Bourquin

Verschwendung von Kompetenz

Es würde also Sinn machen, alles daran zu setzen, nicht nur genug Pflegefachpersonen auszubilden, sondern sie auch im Beruf zu halten. Doch hier leistet sich die Schweiz – und leider auch zahlreiche weitere Länder – einen unglaublichen Luxus. Denn 46 Prozent der diplomierten Pflegefachperson steigen während des Erwerbslebens aus dem Beruf aus, viele schon nach wenigen Jahren. Sie gehen, weil die Arbeitsbedingungen sich laufend verschlechtern, der Stress permanent wächst und die Anerkennung und der Lohn zu tief sind. Um die Lücken zu füllen, behilft sich die Schweiz mit Pflegepersonal aus dem (meist nahen) Ausland, was in letzter Konsequenz den Personalmangel in jenen Ländern verstärkt, deren Gesundheitssysteme bereits jetzt schwach sind. Und der Pflegepersonalmangel besteht weltweit. Der ICN geht davon aus, dass bis 2030 9 Millionen Pflegefachpersonen fehlen werden.

Lohnende Investition

Es würde sich also nicht nur lohnen, sondern es wäre auch die Verantwortung eines reichen Landes wie der Schweiz, dafür zu sorgen, dass genug eigene Pflegefachleute ausgebildet und diese auch im Beruf gehalten werden. Was das Erste betrifft, könnte der indirekte Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative einen Impuls geben, der dank einer Ausbildungsoffensive mehr Menschen in diesen wichtigen, wertvollen und spannenden Beruf bringen will. Doch das nützt wenig, wenn sie nach wenigen Jahren wieder gehen. Das ist, wie wenn man versucht, ein Sieb mit Wasser zu füllen.

Es braucht zwingend auch Massnahmen, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Die Pflegenden und das ganze Gesundheitspersonal haben in einer Protestwoche Ende Oktober genau das gefordert. Und das heisst zuallererst: Mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten, ein Ende der Pflege «à la minute» und eine Abkehr von der Ökonomisierung des Gesundheitswesens.

Unabdingbar ist noch etwas anderes: Die Pflege muss mitreden und mitentscheiden in der Gesundheitspolitik. Zahlreiche Länder kennen in den obersten Gremien der Gesundheitsbehörden die Position einer Chief Nurse Officer. Nicht so die Schweiz, weder auf Bundes- noch auf Kantonsebene. Die Menschen werden älter, mehr Menschen werden Pflege benötigen und die Gesundheitspolitik wird es nicht schaffen, diese demografischen Herausforderungen zu meistern ohne pflegerisches Knowhow und pflegerisches Leadership.

So erklärte WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus zum Start des International Year oft he Nurse: «Ich ermutige alle Länder, die noch keine Chief Nursing Officer haben – also auch die Schweiz – eine solche zu ernennen. Chief Nursing Officer spielen eine wichtige Rolle bei der Erarbeitung von Strategien und politischen Massnahmen. Indem sie die Qualität der Ausbildung steigern, tragen sie nicht nur zu einer Stärkung der Gesundheitssysteme, sondern auch der klinischen Praxis, der Grundversorgung, der Prävention, der Rehabilitation und der Palliative Care bei.» (Taillens. F. 2020). Die Menschen brauchen Pflegefachpersonen – in der Pandemie und danach.

Die Menschen brauchen Pflegefachpersonen – in der Pandemie und danach.

Referenzen
Roswitha Koch
Roswitha Koch Ist Pflegefachfrau MPH und Mitglied des Vorstandes des International Council of Nurses ICN (Weltpflegeverband). Beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK leitet sie die Abteilung Pflegeentwicklung und Internationales. Email
Martina Camenzind
Martina Camenzind, lic.phil. Ethnologin ist Redaktorin der Zeitschrift Krankenpflege des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK. Email