Kinder als Schlüssel: Warum Pädiatrie die internationale Gesundheitszusammenarbeit trägt
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Die Schweizer Partnerschaft HAS Haiti (SPHASH) finanziert und kontrolliert seit Ende 2009 neben mehreren anderen Projekten den Betrieb der Kinderklinik des Albert-Schweitzer-Spitals (HAS) im gebirgigen Norden von Haiti (Artibonite Tal). Neben Spezialabteilungen für kranke Früh- und Neugeborene, für Kinderchirurgie und Infektionskrankheiten wird am HAS auch eine Abteilung zur Rehabilitation von unterernährten Kindern (Malnutrition) geführt.

Solche Abteilungen gibt es sonst kaum in Haiti. Das HAS versorgt eine Bevölkerung von rund 450‘000 Menschen und ist eines der ganz wenigen Spitäler in Haiti, das trotz der sehr schwierigen sicherheitspolitischen Lage und dank dem grossen Einsatz der einheimischen Pflegepersonen, Ärzt: innen und Techniker: innen durchgehend zur Versorgung der Kranken und Verletzten geöffnet ist und medizinische Versorgung auf hohem Niveau anbietet. Die Kinderklinik mit den Abteilungen Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie, Kinderchirurgie und der Spezialabteilung Malnutrition ist die grösste und wichtigste Klinik des Spitals. Die SPHASH übernahm die finanzielle und betriebliche Verantwortung aufgrund der sehr schwierigen finanziellen Lage des Spitals. Unterdessen sind die entsprechenden Verträge zwischen der SPHASH und dem HAS unbefristet.

Gesundheitsversorgung und Bandengewalt

Unter den anhaltenden, landesweiten sicherheitspolitischen Schwierigkeiten ist die Bevölkerung einem noch folgenschwereren Ernährungszustand ausgesetzt, als sie es ohnehin bereits vor der Eskalation der Bandengewalt war. Die Zufahrtstrassen zum Einzugsgebiet des Spitals, dem Artibonite Tal, sind weitestgehend durch kriminelle Banden gesperrt. Die Koordination der Transporte vom und zum HAS bedürfen einer durchdachten Strategie, um das Risiko einer Konfrontation mit den Banden möglichst zu umgehen. Dank der Rekrutierung von über 100 zusätzlichen Mitarbeitenden können schwere Ernährungsstörungen oft bereits in den Dörfern in den Bergen aufgespürt und therapiert werden. Durch Unter- und Fehlernährung, v.a. Eiweissmangel geschwächte Kinder müssen aber weiterhin im Zentralspital korrekt behandelt werden. Die Behandlung und Rehabilitation von unterernährten Kindern ist eine diffizile Angelegenheit. Das HAS hat sich als eines der wenigen Spitäler Haitis auf die Therapie der unterschiedlichen Formen von Unterernährung spezialisiert. Die Kinder benötigen entsprechende Medikamente und Spezialnahrung. Leider mussten in jüngster Vergangenheit Medikamente im Inland zu hohen Preisen erstanden werden. Seit den Unruhen sind Transporte von Hilfslieferungen nach Haiti zwar möglich, aber enorm erschwert.

Die Kinderklinik ist permanent überbelegt, auch weil die umliegenden Spitäler ungenügend funktionieren. Im vergangenen Jahr musste das Universitätsspital Mirebalais am anderen Ende des Artibonite Tals seine Dienste aufgrund des Risikos, überfallen zu werden, einstellen. Die beiden Spitäler verbindet eine langjährige Zusammenarbeit. Ein Grossteil der Patient:innen und Mitarbeitenden wurde ans HAS evakuiert. Die Arbeitsbelastung am HAS, das sich 365 Tage rund um die Uhr um Kranke und Verletzte kümmert, ist sehr gross. Die gegen 1’000 Mitarbeitenden, darunter Pflegepersonen, Ärzt: innen, Techniker: innen, Verwaltungsmitarbeitende, sind haitianischen Ursprungs. Obwohl viele Patient:innen wegen der Strassensperren das HAS nur über schwierige Bergwege erreichen konnten, wurden 2025 total 3’834 schwer kranke und verletzte Kinder bis 15 Jahre stationär aufgenommen und behandelt. Zusätzlich wurden im Spital 20’306 Kinder ambulant behandelt. Im Dispensaire Tienne und mit den Mobilen Kliniken wurden 81'751 Screenings für Malnutrition durchgeführt. Für die allgemeine Pädiatrie waren es 12'861 Fälle und pränatale Untersuchungen gab es 3'608. Insgesamt haben die Patient:innenzahlen am HAS in den letzten Jahren stetig zugenommen.

Aufgrund des erwähnten Platzmangels hat die SPHASH die Neonatologie und Teile der Kinderklinik erweitern und renovieren lassen. Dieses Upgrade ist essenziell, um die medizinische Versorgung langfristig auf hohem Niveau zu erhalten. Arbeits- und Hygieneabläufe werden dadurch vereinfacht und effizienteres Handeln ist dem Personal ermöglicht. Ferner steht den Patient: innen mehr Raum zur Verfügung, um ihre Genesung optimal zu unterstützen.

Leider ist es der SPHASH aufgrund der prekären Sicherheitslage seit einiger Zeit nicht mehr möglich, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen. Der internationale Flughafen in Port-au-Prince ist für den Personenverkehr geschlossen. Um die Entwicklung unserer Projekte im Auge zu behalten und dem Team unseren Rückhalt zu geben, sind wir weiterhin mehrmals wöchentlich online und per E-Mail in Kontakt mit Mitarbeitenden auf allen Stufen.

Die Relevanz der Kinderheilkunde am Beispiel Haiti

Die Bevölkerung Haitis besteht zu einem grossen Anteil aus Kindern. Gesundheitsstrategien ohne starken kinderheilkundlichen Fokus verfehlen damit eine Mehrheit der Bevölkerung.

Viele vermeidbare Todesfälle treffen Neugeborene, Säuglinge und Kleinkinder. Ursachen wie Infektionen, Mangelernährung oder fehlende Geburtshilfe sind gut behandelbar – vorausgesetzt, kindgerechte Versorgung ist zugänglich. Impfprogramme, Basisernährung, Stillförderung, einfache Medikamente oder nachgeburtliche Kontrollen haben eine grosse Wirkung auf die gesamtgesellschaftliche Gesundheit zu vergleichsweisen niedrigen Kosten.

Gesundheitliche Schäden während der Schwangerschaft, bei der Geburt und in früher Kindheit wirken oft lebenslang nach. Sie können beispielsweise Verzögerungen in der Entwicklung oder chronische Erkrankungen nach sich ziehen und zu geringeren Bildungschancen führen. Prävention in der Kinderheilkunde hat daher einen enormen Langzeiteffekt.

Kinder sind besonders verletzlich gegenüber Armut, Konflikten, Klimawandel und Flucht – alles Tatsachen im Einzugsgebiet des HAS. Defizite in der Gesundheitsversorgung treffen sie schneller und härter als Erwachsene. Die internationale Zusammenarbeit trägt Verantwortung, das fundamentale Kinderrecht zu wahren und den Zugang zu Gesundheitsversorgung auch dort zu sichern, wo nationale Systeme überfordert sind. Genau hier wird SPHASH aktiv.

Franziska Maibach
Franziska Maibach ist Ethnologin und Sozialogin. Sie arbeitet als Geschäftsführerin der Schweizer Partnerschaft HAS Haiti (SPHASH)