Von Livia Kläui
Wenn wir an Pflege von Familienangehörigen denken, haben wir wohl meistens das Bild vor Augen, dass ein Elternteil ein krankes Kind betreut. Doch es gibt auch Fälle, da ist es umgekehrt: Erwachsene, die ihre betagten Eltern oder Partner:innen pflegen oder Kinder und Jugendliche, die sich um Nahestehende kümmern. In der Schweiz sind die rund acht Prozent aller Kinder und Jugendlichen. Als sogenannte Young Carers übernehmen sie eine hohe Verantwortung – und opfern dabei ihre Kindheit.
Für viele Young Carer ist es selbstverständlich, dass sie helfen. Lehnen sie die Hilfe ab, plagt sie oft das schlechte Gewissen, übernehmen sie die Rolle als Young Carer, tragen sie eine Verantwortung, die nicht für ihr Alter gedacht ist - die Gefahr besteht, dass sie „ausbrennen“.
Zwar ist das Gefühl der Belastung individuell verschieden und die Kinder und Jugendlichen verfügen nicht immer über dieselbe Resilienz; dennoch ist die Problematik ernst zu nehmen.
Doch gerade hier zeigt sich die nächste Hürde: denn oftmals sind sich Young Carer ihrer Rolle gar nicht (ausreichend) bewusst; Care Arbeit wird als selbstverständlich angesehen. Dazu kommt, dass Viele sich nicht getrauen, ihre Situation z.B. in der Schule anzusprechen. Sie möchten ihre Eltern nicht als schlechte Eltern darstellen und sie wollen sich vor negativen Folgen schützen – wie Diskriminierung und/oder sogar Fremdplatzierung. Oftmals schweigen sie aus Loyalität zum erkrankten Familienmitglied.
Verschlechterungen bei den schulischen Leistungen können ein Warnzeichen für Lehrpersonen sein. Diese sind oft zu wenig sensibilisiert: „Wenn die Lehrperson erkennt, dass die schlechten Noten aufgrund einer Care Rolle zustande kommen, ist das schon viel wert. Die wenigsten Lehrpersonen erkennen die Young carer in ihrer Rolle“, sagt Heidi Bühler, Projektleiterin Young Carer beim Schweizerischen Roten Kreuz Basel-Stadt.
Um die Kinder und Jugendlichen zu unterstützen,
ist auch die Politik gefordert. Dies kann einerseits durch
Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagnen (z.B. Plakate an öffentlichen Orten), aber es braucht auch konkrete Massnahmen; eine davon wäre die stärkere Integration der Thematik in die Arbeit des Bundesamtes für Gesundheit und der Kantone oder eine Anpassung des Gesetzes zum Kinderschutz.
Wie können Young Carer ganz konkret unterstützt werden? Heidi Bühler sieht eine Möglichkeit darin, die Zusammenarbeit von Fachpersonal zu stärken, vor allem soll in die Triage (Begleitung zu anderen Fachstellen) investiert werden. Besonders wichtig ist laut Bühler eine umfassende Aufklärung und Sensibilisierung der Fachpersonen zur Thematik.
Zudem fordert sie obligatorische Familiy-Assessments bei Familien mit einer erkrankten Person. Dies würde bedeuten, dass Massnahmen ergriffen werden, um familiäre Strukturen im Hinblick auf Verbesserungspotenzial zu analysieren. Ziel ist es, Lösungen zu finden, die die Young Carer entlasten und gleichzeitig die Betreuung der erkrankten Person sicherstellen.
Damit diese Massnahmen greifen, muss den Young Carers ihre Situation bewusstwerden, ebenso soll ihnen vermittelt werden, dass sie damit nicht allein sind. Hier kann bei der Ausbildung von Fachpersonen angesetzt werden, indem Pflichtmodule zum Thema beispielsweise in der Sozialen Arbeit oder in der Psychologie eingeführt werden.
Die einzige bereits bestehende Massnahme sind sogenannte «Get-togheter», also Austauschtreffen für Betroffene Kinder und Jugendliche. Diese werden von den Young Carers als sehr hilfreich beschrieben.
Dass Young Carers Unterstützung brauchen, ist weitgehend unbestritten. Es stellt sich die Frage nach dem wie. Laut Bühler eher negativ beurteilt werden staatliche Einmischungen etwa durch die Kinderschutzbehörden (KESB), ohne Einbezug und Absprache mit den Betroffenen.
Für Heidi Bühler ist klar: es braucht mehr Sichtbarkeit und Sensibilisierung. Besonders gefordert ist hier die Politik.
Young Carers unterstützen ihre Angehörigen – es ist Zeit, dass auch sie besser unterstützt werden.